Als Geltungsjude in den Jahren 1938-1945
erlebt von
Erich Beyer
„Davongekommen“ fängt dort an, wo das Leben von Erich Beyer und vielen anderen aus den Fugen geriet – im Wien der 1930er Jahre. Inmitten der politischen Umwälzungen und der Schrecken der nationalsozialistischen Herrschaft beschreibt Beyer seinen Überlebenskampf als „Geltungsjude“. Von der Kindheit in einer kleinen Wiener Wohnung, durch die Wirren des Krieges bis hin zum dramatischen Ende des Krieges wird ein bildhaftes und eindrucksvolles Dokument menschlicher Widerstandskraft und sozialer Bindungen in unsäglichen Zeiten gezeichnet. Erinnerungen an Freundschaften, die unerwartete Hilfe eines Bruders an der Front und die traumatischen Erlebnisse von Verfolgung und Flucht verweben sich zu einem kraftvollen Zeugnis gegen das Vergessen. Erleben Sie die Geschichte einer Familie, die in einem Meer von Feindlichkeit und Angst schwimmen musste, um das Wertvollste zu bewahren – ihr Leben und ihre Würde.
© Erich Beyer, Wien 2007
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Zweite Auflage, 2025
Dies ist eine überarbeitete
Fassung der ersten Auflage aus dem Jahr 2007. Dabei wurden vor allem
Tippfehler, Rechtschreibung und Formatierungen leicht angepasst. Der
Inhalt bleibt weitgehend unverändert.
Buchsatz, Cover: Patrick
Favre
Porträt: Christina
Favre
Erich Beyer, geboren 1925 in Wien, war ein außergewöhnlicher Journalist, der 64 Jahre lang für den KURIER arbeitete – von den Anfängen der Zeitung im Jahr 1954 bis 2008. Als einer der Gründungsredakteure des Neuen KURIER prägte er den Journalismus der Nachkriegszeit und wurde später als Chefreporter, Chronikchef und Leiter der Wiener Bezirksbeilagen bekannt. Beyer überlebte die NS-Zeit als „Geltungsjude“ in Wien und arbeitete nach dem Krieg unter anderem für die Zeitung Neues Österreich. Seine journalistische Laufbahn war von zahlreichen Reportagen, auch unter schwierigen Bedingungen, wie etwa beim Ungarischen Volksaufstand 1956, und einer intensiven Zusammenarbeit mit wichtigen Kollegen wie Hugo Portisch geprägt. Beyer war bekannt für seinen akribischen Arbeitsstil und seine tiefen Verbindungen zu seinen Informanten. Neben seiner journalistischen Tätigkeit war Beyer ein begeisterter Familienmensch und genoss viele Jahre als Vater, Großvater und Urgroßvater. Er starb am 1. Juli 2021 im Alter von 96 Jahren in Wien.
Der Weg von meiner Schule in der Geblergasse in Hernals zu meinem Wohnhaus, einem kleinen Gemeindebau Ecke Staudgasse-Lacknergasse in Währing, führte durch die lange und steile Kalvarienberggasse. Zwei Spielwarenhandlungen lagen an dieser Strecke, und meine Mutter hatte die Zeit, die ich und einige meiner Schulkollegen vor den Auslagen verbrachten, bei der Zubereitung des Mittagessens eingerechnet. In den letzten Wochen beschäftigten uns Dreizehnjährige aber andere Beobachtungen auf dem fast zwei Kilometer langen Fußweg. Im Februar waren uns die ersten Hakenkreuzfahnen an einigen Häusern und in Fenstern aufgefallen. Mein Freund Kurt Adamcik – der beste, den ich in jener Zeit hatte – und ich waren empört: „Man müsste diese Fahnen in der Nacht herunterreißen“, meinte Kurt. Und ich spekulierte: „Mit einem Lasso vielleicht?“ Kurts Vater war bei der Vaterländischen Front, Partei des herrschenden Regimes unter Bundeskanzler Kurt Schuschnigg. Er war sogar Kassier. Wir konnten nicht wissen, dass besagter Schuschnigg im Februar dieses Jahres 1938 zu Hitler nach Berchtesgaden befohlen worden war, wobei er erniedrigende Zugeständnisse machen musste, um die Unabhängigkeit Österreichs wenigstens für eine kurze Zeit zu retten. Denn im März sollte ja eine Volksabstimmung abgehalten werden, bei der die Österreicher ihr „Ja“ zu Österreich sagen sollten. Wir wussten ja überhaupt viel zu wenig über die Politik. Der Weltkrieg war knapp 20 Jahre vorbei. Die Auflösung des Parlaments durch Bundeskanzler Dollfuß und die sozialdemokratische Revolution, die einen mehrtägigen Bürgerkrieg zur Folge hatte, lagen genau vier Jahre zurück. Im selben Jahr, 1934, ist am 25. Juli Dollfuß in seinem Amt von einer Einheit der illegalen SS – lauter Österreicher – erschossen worden. Mein Vater war an diesem Tag mit mir wieder einmal auf der Wienerhütte bei Kaltenleutgeben gewesen. Ein beliebtes Ausflugsziel von uns. Mein kleiner Hund „Berry“, so eine Art schwarzer Spitz, war natürlich mit uns. Ein Motorradfahrer kam am frühen Nachmittag herauf und berichtete aufgeregt von dem Attentat auf dem Ballhausplatz. Und dass möglicherweise die Nazis jetzt ans Ruder kommen würden. Damals war es noch nicht so weit. Es sollte noch knappe vier Jahre dauern. Bei der Wienerhütte konnte man vier Jahre später an den Bäumen Zettel hängen sehen, auf denen unter anderem zu lesen stand: „Für Juden ist der Wald zu schön, die sollen nach Palästina gehen. Sie verpesten mit ihrem Knofelduft unsere gute Wienerwaldluft“. Ich war noch in der Volksschule, als am 12. Februar 1934 der Bürgerkrieg losbrach. Die Schule lag in der Schopenhauerstraße, zweimal ums Eck von unserer Wohnung entfernt. Gleich daneben stand ein Umspannwerk. Gegenüber dem Polizeikommissariat von Währing. An Polizisten waren wir gewöhnt, sie störten uns beim Fußballspiel auf der Straße oder waren auch dazu da, um nationalsozialistische Aufmärsche aufzulösen, wobei sie oft auch zu Pferd ausgerückt waren. Aber an diesem Tag sahen sie anders aus. Das Umspannwerk wurde von Polizisten bewacht, die Stahlhelme auf ihren Köpfen trugen. Gewehre hatten sie geschultert, auf denen Bajonette blitzten. Es sah bedrohlich aus. Als ich fünf Minuten später daheim war, sah meine Mutter schon besorgt aus dem Küchenfenster. In der Ferne hörte man ein Grollen. „Das sind Kanonen. In Döbling sollen sie auf Gemeindehäuser schießen“, erklärte mir Mama. Werden sie auch auf unser Wohnhaus schießen? Es war, wie schon gesagt, ein kleiner Gemeindebau. Mit nur zwei Stiegen, und dazwischen lag ein schöner Garten mit Rosen und anderen Blumen. Ein herrlicher Spielplatz für mich und die anderen Kinder des Hauses. Um in den Garten zu kommen, musste ich durch den Keller. Hier hatte ein Schlosser seine Werkstatt. In der Zeit vor dem deutschen Einmarsch fertigte er in den Nächten kleine blecherne Hakenkreuze an, die man am nächsten Morgen in der Gegend verstreut vorfand. Am Tag nach dem Beginn des Bürgerkriegs kamen Polizisten in die Wohnungen unseres Hauses und durchsuchten sie nach Waffen. Wer in einem Gemeindehaus lebte, war verdächtig, ein Sozi zu sein. Und jeder Sozi war verdächtig, ein Revolutionär zu sein. In einigen Wohnungen durchstachen sie mit ihren Bajonetten die Pölster der Sitzmöbel. Bei uns waren sie rasch wieder draußen. Papa war Staatsbeamter und als solcher außer Verdacht. Er arbeitete im Zentral-Tax- und Bemessungsamt, eine Steuerbehörde also. Sehr viel hatte er dort nicht zu tun. Mama sagte, so oft sie ihn dort besuchte, war er in einem anderen Zimmer und unterhielt sich mit Kollegen. Um zwei Uhr hatte er Dienstschluss. Dementsprechend war sein Verdienst. Er hatte kaum ausgereicht, um uns zu versorgen. Aber Papa war sehr fleißig. Außerhalb seines Amtes, natürlich. Solang ich mich zurückerinnere, saß er an jedem Nachmittag und Abend daheim am Küchentisch, hatte große Bogen, die mit Zahlenkolonnen bedeckt waren, vor sich und glitt mit einer Feder, die in rote Tinte getaucht war, über die Kolonnen. Von oben nach unten. Eine nach der anderen. Es waren die Abrechnungen von über 30 Filialen der Strumpf- und Wäschefirma Bernhard Schön, etwa das, was heute die Gazelle ist. Papa hatte diesen Nebenberuf bekommen und war nun ein Filialkontrollor. Während er die Kolonnen durchging, rechnete er die Additionen nach und suchte nach Fehlern. Fand er einen, verbesserte er ihn mit der roten Tinte. Er konnte dabei singen oder pfeifen und am liebsten hatte er den Kopfhörer des Detektors auf, jenes einfachen Vorgängers des späteren Radios, mit dem man die Ravag (Radio Wien) empfangen konnte. Und gleichzeitig pfiff er mit, was er hörte.
Nun ist es Zeit, unsere kleine Gemeindewohnung zu schildern. Ich war darin geboren worden, wie ich später erfuhr. Meine Mutter hatte es abgelehnt, in eine Klinik zu gehen. Es gab gewiss noblere Plätze, um zur Welt zu kommen. Aber wenn man sich im Leben etwas nicht aussuchen kann, dann ist es der Geburtsort und dann sind es die Eltern. Mit beiden war ich zeitlebens zufrieden, unsere Wohnung lag im Hochparterre, also einige Meter über der Straße. Im anderen Stiegenhaus lebten in der gleich gelegenen Wohnung die Hausmeisterleute. Ein paar Stufen vom Haustor hinauf und linker Hand die erste Tür – das waren wir. Ein schmales Vorzimmer, an dessen linkem Ende das Klo lag und von dem man in die Wohnküche kam. Hier spielte sich unser Leben ab, von früh bis abends. An diesen Raum schloss sich ein Kammerl an, das Küchenkammerl genannt. Darin war die Bassena, also die Wasserleitung, die es in den meisten anderen Mietshäusern noch auf dem Gang gab. Darin stand aber auch der Herd, sogar mit einem Backrohr und mit Gas zu betreiben. Hier, zwischen Herd und Küchentisch, beziehungsweise Küchenkredenz, war der Tätigkeitsbereich meiner Mama. Hier musste sie jeden Tag von dem wenigen Geld, das zur Verfügung stand, eine warme Mahlzeit herstellen. Mit Suppe und Hauptspeise und ab und zu mit Fleisch. Wenn mein Vater vom Büro heimkam, musste das Essen sehr rasch auf den Tisch kommen. Solange er nicht gegessen hatte, war er grantig, streitsüchtig – meine Mutter sagte: unausstehlich. Später zündete er sich eine Virginia an, holte die Filialabrechnungen von Bernhard Schön heraus und begann mit seinem zweiten Beruf. Die Küche war aber auch mein Spielplatz, und an einem kleinen Tischchen beim Fenster, das auf die Staudgasse blickte, machte ich auch meine Aufgaben. Die rechte Seite der Küche wurde von einem gusseisernen Ofen und einer großen, weiß lackierten Holzkiste beherrscht. Sie bot Raum für mindestens hundert Kilo Kohle. Ein Kabinett, ebenfalls straßenseitig, war unser Schlafzimmer. Meine Eltern besaßen die üblichen Ehebetten, ich lag an der Schmalseite in einem etwas kleineren Bett. Nachtkasteln und ein Kleiderkasten waren noch hineingezwängt. Aber das Sonderbarste in dieser Wohnung war das Speiszimmer. Es trug seinen Namen zu Unrecht, denn dort wurde nie – oder fast nie – gespeist. Es war der Glanzpunkt der kleinen Wohnung, der Salon des kleinen Staatsbeamten mit schwarzen Möbeln, an denen sicher jahrelang abgezahlt worden war, mit einem blumigen Teppich und langen Vorhängen. Kalt und unberührt, so verharrte dieses Prunkstück beinahe das ganze Jahr über. Trotz des benachbarten Eng-Landes in Küche und Schlafkabinett. Trotz des breiten, in den Garten weisenden Fensters. Das gute Zimmer wurde nur zu Weihnachten und an seltenen Familienfeiertagen benützt. So war das damals eben. So, nun wisst ihr, wie der kleine Lebensraum kleiner Leute damals ausgesehen hat. Bevorzugter kleiner Leute, möchte ich heute sagen, denn mein Vater war unkündbar – was sich später als Missverständnis herausstellen sollte – und die Gemeindewohnung war uns auch sicher. Bis sie eines Tages von einem SS-Mann bezogen wurde. Unsere Nachbarn und Mitbewohner waren zum Teil nette Leute, mit anderen hatten wir weniger Kontakt. Mama war mit Frau Goldberger im ersten Stock gut befreundet, deren Mann ein ungarischer Baron gewesen sein sollte, jedenfalls ging er so steif und aufgeblasen herum, dass man es ihm glaubte. Auch dass er nie etwas arbeitete und doch mit Frau und Sohn leben konnte, schien ihm in die Nähe des Adels zu rücken. Im zweiten Stock wohnte mein Spielgefährte der frühen Kinderjahre, der Hansl. Hans Gang hatte eine Schwester, die folgerichtig Gretl hieß. Vater war ein Vertreter in Textilien. Ihre Wohnung war noch kleiner als unsere, und Hansl war recht oft bei mir. Weil ich die schöneren Spiele und weil meine Mama ein gutes Schmalzbrot für ihn hatte. Hansl, mein guter Freund Hansl war Jude. So wie ich das jetzt betone, ist das nie ausgesprochen worden. Es war damals und in unserem Haus kein Thema. Aber es sollte zum Problem werden.
Auch Mama war Jüdin und folgerichtig hatte ich einige jüdische Verwandte: Meine heiß geliebte Großmutter, Onkeln und Tanten, eine Cousine – und einen Bruder. Das war verblüffend! Ich selbst aber bin Christ seit Geburt, evangelischer Christ, so wie mein Vater einer war. Wie war das aber mit meinem Bruder Egon? Als ich ein Kind war, hatte ich zwei Brüder. Als ich größer wurde, erfuhr ich, dass Egon und Robert nur Halbbrüder seien. Und als ich erwachsen wurde, hatte ich keinen mehr von ihnen: Egon war in Dachau umgekommen und Robert hatte sich uns völlig entfremdet. Sehr innig war das geschwisterliche Verhältnis ja nie. Als ich geboren wurde, waren Robert und Egon schon zwölf und dreizehn Jahre alt. Die Begeisterung über die späte Bruderschaft mag sich in engen Grenzen gehalten haben. Wir waren drei kuriose Halbbrüder. Egon, wie gesagt, war der Sohn meiner Mutter aus erster Ehe und er war Jude. Robert hatte Vater in die Ehe mitgebracht und er war Katholik. Mich hatten meine Eltern in der evangelischen Kirche taufen lassen, nachdem auch mein Vater von der katholischen zur protestantischen Religion hinübergewechselt war. Also ein Jude, ein Katholik und ein Protestant in einer Familie. Mehr kann man zur Toleranz gar nicht beitragen. Da unsere Gemeindewohnung für fünf Menschen viel zu klein war, hatte meine geliebte Omama Egon in der Praterstraße aufgenommen. Mama und ich verbrachten viel Zeit in der Wohnung meiner Omama. Sie bestand aus einer Küche, die man vom Gang aus betrat, aus zwei kleinen und einem großen Zimmer. Eines der beiden Kabinette war meist an einen Untermieter vergeben. In diesem großen Haus, das aus mehreren Stiegen bestand, lebten viele jüdische Familien. Unter anderem der Maler Farkas, bei dem ich oft zu Besuch war und in dessen mit alten Möbeln ausgestatteten Wohnung ich mich sehr wohlfühlte. Später wurden all diese Menschen verschleppt und umgebracht. Die Wohnungen wurden „arisiert“ und als der ganze große Bau vor Kriegsende den Bomben zum Opfer fiel, konnte ich mit den neuen Mietern keine besondere Anteilnahme empfinden. Irgendwie fühlte ich sogar Genugtuung darüber.
Zurück zu den Ereignissen, die Österreich für Jahre auslöschen und uns allen schreckliches Leid bringen sollten. An jenem 11. März 1938 – ich glaube, es war ein Freitag – wurden wir beim Frühstück von der Nachricht überrascht, dass die Nazis einmarschiert seien. In unserer ruhigen Gasse war zunächst nichts davon zu bemerken. Erst nach und nach kamen an Häusern und in Fenstern Hakenkreuzfahnen zum Vorschein, plötzlich sah man auch Männer in braunen Uniformen und Menschen, die keinen Hehl daraus machten, dass diese politische Wende sie freudig erregte. „Umbruch“ nannten sie die Besetzung ihres Heimatlandes durch fremde Truppen. Wenige Stunden später verkauften die Trafiken gestanzte Hakenkreuze, die sich jedermann auf sein Revers steckte und jede Frau stolz am Kleid trug. Die Polizisten schmückten ihren rechten Arm mit einer Hakenkreuzbinde, die wohl schon vorbereitet gewesen sein musste. Mama weinte, Papa saß still da und rührte keinen Bissen an. Für mich mit meinen dreizehn Jahren war es zunächst von Bedeutung, dass dieser Tag schulfrei sein sollte. Also zog ich mich an und sagte zu meinen Eltern: „Ich geh’ jetzt zum Kurt.“ Wie schon gesagt, war Kurt mein bester Freund, wir gingen in die gleiche Klasse der Realschule in der Geblergasse, in die dritte. Wir waren uns in der Ablehnung der Nazis einig gewesen, schließlich war sein Vater Kassier bei der Vaterländischen Front, der damals einzig zugelassenen Partei des Schuschnigg-Regimes. Jetzt musste ich mit Kurt über die neue Situation sprechen. Als ich an der Tür läutete, öffnete mir Kurts Vater. „Jetzt haben wir die Bescherung“, sagte ich zu ihm. Und erwartete sein Einverständnis mit meiner Betroffenheit. Umso schockierter war ich über seine Worte, die ich bis heute nicht vergessen kann: „Aber Erich, jetzt wird es bergauf gehen. Du wirst sehen, was der Führer für uns alles machen wird.“ Wir haben es gesehen. Kurts Vater war längst illegal bei der NSDAP gewesen, was er sogar seiner Familie verschwiegen hatte. Er war einer von Tausenden Österreichern, die den Verrat an seinem Land vorbereitet hatten. Die nur darauf gewartet hatten, dass Hitler seine „geliebte Heimat heim ins Reich holte“. Die „Illegalen“ nannten sie sich stolz, die in den letzten vier, fünf Jahren das ohnedies morsche politische Gebilde unterhöhlt hatten. Einen Staat, der sich durch die Unfähigkeit seiner Regierenden, die großen Probleme der Nachkriegszeit zu lösen, selbst dem Untergang geweiht hatte. Jene „Illegalen“, die wegen ihrer terroristischen Tätigkeiten – von Telefonzellensprengungen bis hin zum Kanzlermord – strafrechtlich verfolgt wurden und – oft gewarnt von Gesinnungsgenossen bei Exekutive und Justiz – flüchten konnten, fanden sich in Deutschland in einer eigenen SA-Truppe zusammen, die nun als „Österreichische Legion“ triumphierend in ihre Heimat zurückkehrten, um dabei zu sein, wenn sie ausgelöscht werden sollte. Zu den „Illegalen“, die jetzt natürlich Oberwasser hatten und zu den wirtschaftlichen Nutznießern des „Umbruchs“ zählten, kamen sehr rasch die „Märzveigerln“, Tausende Österreicher, die sich um den Eintritt in die neue Partei, die NSDAP, bemühten. Auf die Formulare, die man für das Ansuchen brauchte, gab es einen Run. Man wollte ja nicht bloß dabei sein, man wollte eine möglichst niedrige Parteinummer bekommen. Sie, die sich vor allem in deutschem Pflichteifer übten, die besonders würdelos den Besatzern gegenübertraten und besonders menschenunwürdig die neuen „Feinde“, die Juden, Pfaffen und Roten behandelten, sie waren – als alles wieder vorbei war – nur die „Mitläufer“. Als Zeitzeuge meine ich aber, dass mancher „Illegale“, dessen anfänglich idealistischer Überzeugung man sogar so etwas wie Respekt abgewinnen kann, Abscheu gegenüber den „Märzveigerln“ empfand und vor allem die mit dem Besatzungstroß mit einmarschierten deutschen Nazis von den rassistischen Ausschreitungen eher angeekelt waren. So viel zu den „Mitläufern“. Als mir also der Vater meines besten Freundes diesen Schock bereitete, wusste ich nichts zu erwidern. Kurt war es sichtlich peinlich, diese begeisterte Zustimmung seines Vaters zu den jüngsten Ereignissen zu hören. Wir zogen uns in sein Zimmer zurück und waren uns in einem Punkt einig: gut, dass heute schulfrei ist. Der nächste Tag war sicher einer der schwärzesten in meiner heutigen Erinnerung. Ich würde ihn gern verheimlichen, aber das wäre unehrlich. An diesem Tag hatten sich alle Wiener Schüler zeitlich früh in ihren Schulen zu versammeln, um gemeinsam mit ihren Lehrern zum Heldenplatz zu marschieren. Die vier israelitischen Klassenkameraden natürlich nicht. Aber ich war ja noch nicht „entlarvt“. Noch gehörte ich dazu. Einige Mitschüler trugen bereits die weißen Hemden mit den Ledernen Überschwüngen und Gürteln der HJ und ließen sich von allen andern bestaunen. Ganz besonders neidvoll blickten wir andern auf den schmucken Dolch an ihrem Gürtel, dem Zeichen, dass sie bereits der Hitlerjugend angehörten. Ehe wir loszogen, wurden Liedertexte verteilt. Es war alles bestens vorbereitet. Wir lernten und übten „Ein junges Volk steht auf, zum Sturm bereit…“ und das Horst-Wessel-Lied sowie die neue Nationalhymne, deren Melodie uns nicht schwerfiel, es war ja unsere österreichische Hymne, deren Melodie uns die Deutschen gestohlen hatten. Natürlich war der Text anders. „Deutschland, Deutschland über alles“ hieß es da. Obwohl unsere vorgestrige Hymne ja auch recht deutsch-national geklungen hatte: „Deutsche Männer, ernst und ehrlich, deutsche Frauen, zart und weich“ sind da besungen worden. Jetzt waren wir alle deutsch geworden.
Und schon an diesem zweiten Tag nach der „Heimholung“ erlebten wir das Symptom dieser neuen Politik, ohne dass es mir bewusst wurde: von heute an wurde alles anbefohlen. Das Singen, das Marschieren und dann am Heldenplatz der zehntausendfache Schrei: „Sieg heil!“ Und die Parole jener Tage: „Ein Volk – ein Reich – ein Führer!“ Und ich schrie mit! Inmitten meiner Schulkollegen, inmitten aller anderer Wiener Schüler und inmitten einer Masse hysterischer Brüller und Brüllerinnen. Denn oben, auf dem Balkon der Hofburg stand er – der Führer. Warum ich mitmarschiert war? Ich war dreizehn, um mich herum herrschten Jubel und Begeisterung. Selbst wenn ich hätte schweigen wollen, ich hätte es nicht können. Hätte es gar nicht gewagt. Daheim bleiben hätte ich können, eine Krankheit vortäuschen. Eine Entschuldigung der Eltern wäre möglich gewesen – nein, es wäre unmöglich gewesen. Gerade in unserer Situation. Wie schon erwähnt, war Papa Staatsbeamter, zumindest bis auf Widerruf, und Mama war Jüdin.
Der Erste, der den kommenden Rassismus zu spüren bekam, war kurioserweise mein Bruder Robert. Gerade er, der zunächst als Arier galt, zumindest bis auf Widerruf. Wir lebten ab dem Einmarsch der Deutschen auf Widerruf, wir wussten es nur noch nicht. Also Robert, von Beruf Reklamemaler, wie man damals einen Werbegrafiker nannte, hatte schon vor einigen Jahren seinen eigenen Anschluss gefunden. Den Anschluss an eine Gruppe junger Nazis, deren eigentümlich herrisches Auftreten selbst mir als Bub aufgefallen war. Auch begrüßten sie sich mit „Heil dir“, was mir seltsam vorkam. Und in diesen Märztagen des Jahres 1938 tauchte Robert ausgerechnet in der braunen Uniform der SA auf. Jener Sturmabteilung, die in ihren Mitgliedern die niedrigsten Gefühle zu wecken verstand. Die immer dort zu finden war, wo es galt, Krawall zu machen oder politische Gegner niederzuknüppeln. Diese SA war es auch, die mit Brutalität gegen die Wiener Juden vorging, Bluttaten beging, Menschen auf der Straße überfielen, niederschlugen oder verschleppten. Von den Plünderungen und Demolierungen jüdischer Geschäfte ganz abgesehen. Es konnte ihnen nichts geschehen, sie handelten im Auftrag und mit dem Wohlwollen der neuen Machthaber. So hat sich das Dritte Reich in Österreich schon in den ersten Tagen der neuen Ostmark als ein Staat des Unrechts, der Gewalt und des Terrors legitimiert. Robert, der SA-Mann auf Widerruf, war für Mama ein Schock. Ich glaube, dass sie ihrem Stiefsohn diese Entgleisung nie ganz verziehen hat. Auch wenn sie später, als Robert als Soldat an der Westfront lebensgefährlich verletzt wurde, alles liegen und stehen ließ, um ihn im Kölner Lazarett zu besuchen. Als seine SA-Kumpane herausfanden, dass ihr Kamerad von einer Jüdin großgezogen worden ist, musste mein Bruder die SA-Stiefel und die braune Uniform ausziehen. Armer Robert! Und doch war er es, dem wir einige Jahre später unser Leben verdanken sollten. So seltsam es klingen mag, für mich ging der Alltag weiter. In der Mittelschule hatte sich natürlich viel geändert. Die vier jüdischen Mitschüler waren nicht mehr da, in der Klasse hing das Bild des Führers, ebenfalls in der scheußlich-braunen Uniform. Wenn ein Professor hereinkam, hatten wir mit erhobenem rechten Arm „Heil Hitler!“ zu rufen und unser Lieblingsprofessor Braunschweiger hatte sich als strammer, illegaler Nazi herausgestellt. Noch wusste niemand, dass ich ein sogenannter „Mischling“ war und ich hatte bestimmt keinen Grund, es ihnen auf die Nase zu binden. Um ehrlich zu sein, ich wusste ja damals selbst noch nicht, was das sei, ein „Mischling“. Ich hätte höchstens an einen Halbindianer gedacht, an einen Mestizen, wenn ich das Wort gehört hätte. Meine Unwissenheit sollte nicht lang anhalten. Die Nürnberger Rassengesetze sollten in den nächsten Jahren lebensbestimmend für mich werden. Und für zehntausende andere Österreicher auch. Hitler hatte seine Heimat, die „Ostmark“, heim ins Reich geführt, wie er selbst lautstark am Heldenplatz verkündet hatte. Und dieses Reich war Großdeutschland, das nun aus dem „Altreich“ – das Deutschland bis 13. März 1938 – und der „Ostmark“ – dem annektierten Österreich – bestand. Und diese Ostmark war in Gaue eingeteilt, die sich im Wesentlichen mit den früheren Bundesländern deckten, ausgenommen das Burgenland, dessen nördliche Hälfte zu „Niederdonau“ (Niederösterreich) und dessen südliche Hälfte zur Steiermark kam. Wenn es eine Niederdonau gab, dann durfte es ja auch kein Oberösterreich geben. Folgerichtig wurde daraus Oberdonau. Aus uns allen aber wurden Deutsche.
Wenige Wochen nach der „Befreiung“, von anderen „Umbruch“ und von wenigen „Besetzung“ genannt (dies aber nur im engsten Kreis) musste die gesamte Beamtenschaft einen Eid auf den Führer und auf das Dritte Reich – schon wieder so ein neuer Ausdruck – ablegen. Hier wurde Streu vom Weizen gesondert und zum Streu zählte – wie konnte es anders sein – mein Vater. Als er 1922 geheiratet hatte, hatte er den Fehler begangen, eine Jüdin zur Frau zu nehmen. Mein Vater wurde also nicht vereidigt, sondern pensioniert. Mit ein paar Mark, die zum Leben zu wenig waren. Jetzt erwies es sich als Glücksfall, dass er seine Nebenbeschäftigung bei Bernhard Schön hatte. Die blieb ihm auch, obwohl das ganze große Unternehmen als jüdischer Besitz „arisiert“ wurde und vom neuen Inhaber dann in „Amazone“ umgetauft wurde. Mein Freund Hansl Gang, seine Schwester und seine Eltern, alles Juden, mussten um diese Zeit den Gemeindebau verlassen. Wir wussten alle nicht, wohin sie gekommen waren. Selbst mir als Zeitzeugen ist es heute noch unverständlich, wie damals tausende Familien aus den Wiener Wohnhäusern nach und nach verschwinden konnten, ohne dass die Frage gestellt worden wäre: Was ist aus ihnen geworden? Die lieben Nachbarn hatten sich zunächst von ihnen distanziert: mit Juden sprach man nicht! Und dann befreit gefühlt, als diese Parasiten und Volksfeinde endlich aus dem Haus waren. Ganze Gemeinden verkündeten damals stolz auf Tafeln an ihren Ortseinfahrten: „... ist judenrein!“ Uns blieb dieses Schicksal zunächst erspart. Papa war ja „Arier“ und so blieb uns die Gemeindewohnung erhalten. Meine Großmutter, bei der mein Bruder Egon lebte, hatte auch noch ihre Ruhe. Im zweiten Bezirk, der „Mazzesinsel“, wie man damals gerne sagte, ließ man die Juden noch wohnen, ja man siedelte nach und nach die in Wien verbleibenden jüdischen Familien dorthin um. Zunächst war das ein Makel. Später sollte es lebensbedrohend werden. Es war die Ruhe vor dem Sturm. Egon heiratete im Sommer 1938 ein junges, zartes Geschöpf. Lizzy war ein besonders liebes Mädel, natürlich aus einer jüdischen Familie, eine andere Verbindung war undenkbar, war durch die Nürnberger Rassengesetze auch verboten. Eine Liebe zwischen Juden und „Ariern“ wurde als Rassenschande bezeichnet und hätte für beide Partner die schwerwiegendsten, vermutlich tödlichen Folgen gehabt. Die Ehe Egons mit Lizzy drängte deshalb, weil ja beide die Absicht hatten, auszuwandern. Und wenn es überhaupt eine Chance gab, irgendwo eine Einreisegenehmigung zu erhalten, dann eher als Ehepartner. Aber es sollte leider anders kommen. Ich vollendete das dritte Jahr in der Realschule Geblergasse und nach Schulschluss übersiedelten meine Eltern und ich, wie jedes Jahr, in unser Wochenendhaus nach Mauer. Davon habe ich bisher nichts erzählen können, das will ich jetzt nachholen. Meine Mama war die treibende Kraft, sie wollte einen Garten und Papa stimmte zu, wenn auch mit etwas Bauchweh. Sein Einkommen erlaubte keine großen Sprünge und tatsächlich wurde der Erwerb von 600 Quadratmetern Eigengrund in einer neu parzellierten Siedlung am Rand des Napoleonwaldes unweit des Lainzer Tiergartens nur durch jahrelange Einschränkungen im ohnedies bescheidenen Lebensstandard möglich. 14 riesige Eichen standen auf dem Gartengrund Steinklammergasse 7, sie mussten alle gefällt, die Wurzeln gesprengt werden. Dafür mussten Fachleute geholt werden. Dann ging es an das Bearbeiten des Bodens. Jetzt bekam der Name „Steinklammergasse“ seine besondere Bedeutung. Tonnen von Steinen mussten aus dem Boden geholt werden, bis dieser das Prädikat „Erde“ verdiente. Papa und Mama schufteten, Robert half mit und mir machte es überhaupt keine Freude, die „geernteten“ Steine auf riesige Haufen aufzutürmen. Aber auch das ging vorbei. Beete entstanden, ein Rasen, Sträucher und Obstbäume wurden gepflanzt – Mama war in ihrem Element.
Der Grund hatte elf Schilling pro Quadratmeter gekostet, konnte aber in Raten abgezahlt werden. Ein Zaun war zu machen; das Wasser von der Straße bis in den Garten einzuleiten. Eine Werkzeughütte aus Holz war die erste Unterkunft. Nun waren wir alle glücklich, diesen Garten zu besitzen, nicht nur Mama. Gemüse, Erdbeeren, Ribisel, Stachelbeeren und die Früchte der Obstbäume wuchsen heran und bereicherten den bescheidenen Speisezettel. Um aber unsere Idylle vollkommen zu machen, war ein – wenn auch kleines – Haus erforderlich. Ein Holzhaus sollte es sein, mit einer Mansarde als Schlafraum. Zwei Jahre nach dem Grundkauf wurde es von einem Spezialbetrieb errichtet, nachdem wir gemeinsam mit einem Verkäufer der Firma mehrere schon bestehende Sommerhäuschen rund um Wien angesehen hatten. Wieder ließen sich meine Eltern auf Ratenzahlungen ein, für den damals für sie horrenden Betrag von 5000 Schilling. Aber das war immerhin zu einer Zeit, da mein Vater noch ein fixes Einkommen vom Staat hatte und in jener wirtschaftlichen Krisenzeit waren Leute mit einem fixen Einkommen begehrte Kunden, denen man auch kleine Teilzahlungen zugestand. Nach diesem Abstecher in die Vor-Nazizeit nun wieder zum Thema. Wie ich aber soeben merke, liege ich mit unserem Garten in Mauer ganz richtig. Denn auch in diesem späten Frühjahr 1938 packten wir unsere Sachen und fuhren mit der Stadtbahn bis Hietzing und von dort mit der Linie 60 bis zum sogenannten Linienamt. Das war einst die Stadtgrenze, die es in dieser Form nicht mehr gab, doch das gelbe Gebäude rechts an der Speisingerstraße mit einem Polizeiwachzimmer und einigen Wohnungen hieß noch immer so: Linienamt. Von hier aus war es eine Viertelstunde zu Fuß und teilweise bergauf bis zur Steinklammergasse, bis zu unserem Sommerhaus. Hier lebten wir vom Mai bis September, solange noch Schule war, fuhr ich täglich ungefähr eine Stunde bis nach Hernals in die Realschule. Natürlich war trotz Einhaltung des Übersiedlungsrituals alles anders geworden. Äußerlich und innerlich. An den Häusern überall Hakenkreuzfahnen. Auf den Straßen überall freudig bewegte Menschen, die einander mit „Heil Hitler“ begrüßten und dabei den rechten Arm hoben und streckten. Und alle trugen das Hakenkreuz aus Blech am Mantel, an der Jacke, am Sakko. Beneidet jene, die das kreisrunde Parteiabzeichen tragen durften. Es war der Adel in dieser Zeit. Aber dazu musste man schon den „großen Ariernachweis“ erbringen, eine Bestätigung vom Reichssippenamt in Berlin – auch so etwas gab es – dass durch einige Generationen zurück keine jüdische Versippung festgestellt werden konnte. Einen „Ariernachweis“ brauchte aber jeder in diesem Staat, der weiterhin existieren – und wenn schon nicht als Parteigenosse, so wenigstens als Volksgenosse – seinen Beitrag zum Gemeinwohl leisten wollte. Mein Vater war so einer. So schien es wenigstens. Seine Eltern waren Christen gewesen und es wäre alles in Ordnung, wenn da nicht die Mama gewesen wäre. Wie schon gesagt, Mama war Jüdin. Daran war nichts zu ändern. Und als es noch vor dem Sommer 1938 zur Vereidigung der österreichischen Staatsbeamten auf den Führer kam, war Papa nicht mehr dabei. Aus mit dem Staatsdienst. Ein deutscher Staatsbeamter konnte nicht mit einer Nicht-Arierin verheiratet sein. Ja, wenn Sie sich scheiden lassen, Herr Kollege? Es gab solche Schweine. Mein Vater gehörte nicht dazu. Viele andere Beamte hatten es noch schlechter. Sie waren gleich nach dem Einmarsch der Deutschen und der Machtübernahme durch die heimischen Nazis verhaftet worden, weil sie sich als Anhänger des Schuschnigg-Regimes und als Nazigegner deklariert hatten. Mit den verjagten österreichischen Politikern brachte man sie in das Konzentrationslager nach Dachau.
Dachau – das war das erste große Konzentrationslager in der Nähe von München. Dachau – das war eine hübsche Kleinstadt, die – noch ehe sie den grässlichen Ruf unverdienterweise erhielt – als Niederlassung von Künstlern bekannt war. Das Lager Dachau war kein Vernichtungslager. Es standen keine Gaskammern, es brannten keine Öfen, in denen Menschen verheizt wurden. Die Fließbandmorde waren einer späteren Zeit vorbehalten. Aber Dachau war auch nicht einfach eine Strafanstalt oder ein Arbeitslager. Gearbeitet wurde – aber bis zum Umfallen. Und wer umfiel, riskierte eine Kugel. „Lungenentzündung“ war die beliebteste amtliche Todesursache, wenn die Angehörigen eines zu Tode gemarterten oder ermordeten Häftlings verständigt werden mussten. Aber immerhin – aus Dachau konnte man auch noch herauskommen. Lebend, meine ich. Mein Vater hatte in unserer Siedlung in Mauer – sie hieß „Heimat“ und grenzte an die sogenannte Polizeisiedlung an, einen guten Freund, den Herrn Gerber, Gerber war Polizist, wie die meisten Gartenbesitzer der Polizeisiedlung. Als er Gerber einmal in dessen Wachzimmer aufsuchen wollte und harmlos fragte: „Ist der Kollege Gerber da?“ erhielt er die schroffe und bezeichnende Antwort: „Die Kollegen sind alle in Dachau. Hier gibt es nur Kameraden!“ Der Sommer 1938 sah uns also wieder in Mauer, Steinklammergasse 7. Unser Nachbar, Radenic, ein einfacher, aber immer hilfsbereiter Schulwart aus Rudolfsheim, war auch wieder mit seiner Frau und seinem Ziehsohn Karl Pittner da. Radenic verstand sich mit meiner Mutter sehr gut. Er war ein Illegaler, also einer, der schon vor dem Anschluss in der sogenannten „Verbotszeit“ bei der NSDAP war. Dass mein Vater zwangsweise in Pension geschickt worden war, weil Mama Jüdin war, störte unser gutes Einvernehmen zunächst nicht. An Feiertagen, wenn die Hakenkreuzfahne gehisst werden musste, hissten auch wir sie. Mama hätte es auch gern gesehen, wenn ich zur HJ gegangen wäre, doch der Gefahr, eines Tages mit Schimpf hinausgeworfen zu werden, wollte ich mich nicht aussetzen. Wenn aber mein Freund Karli, der im gleichen Alter wie ich war, gemeinsam mit anderen Kameraden in ihren HJ-Uniformen auszogen, um eine Wanderung zu unternehmen, da war ich immer dabei. Und auch ihre Lieder sang ich mit ihnen. Was weiß ich heute, wie ich geworden wäre, wenn nicht… damals war ich eben sehr jung, angesteckt von dem Taumel rund um mich und gar nicht geneigt, zu glauben, dass ich anders sei. Diese fröhliche Zeit war ohnehin nur kurzfristig. Eine Zeit, in der wir nicht einmal ahnten, was auf uns zukommen sollte.
Eine Ahnung davon erhielt man, wenn man aus der reinen Luft unserer Siedlung in die Tiefen der Leopoldstadt kam. Dort lebte im Haus Praterstraße 50 immer noch meine Großmutter, die Omama. Ernestine Jakobsohn war die Witwe nach einem jüdischen Gutsbesitzer in Schlesien, der bei Jagden, mit Pferden und fröhlichen Gesellschaften sein Hab und vor allem sein Gut verjuxt hatte. Sie hatten vier Kinder: Zwillinge, meinen Onkel Max und die Tante Hella, dann meine Mama Olga und die Jüngste, Tante Martha. Arm geworden, kamen sie alle nach Wien, in eine Hauptstadt, die gerade den Verlust eines Weltkrieges und eines Weltreiches zu bewältigen hatte. Also, Omama lebte immer noch in der Leopoldstadt, bei ihr mein Halbbruder Egon. Einige Häuser weiter die Familie Löbner, deren Tochter Lizzy Egons Braut war. Das große Wohnhaus meiner Omama mit zwei Stiegen und zwei Höfen wird mir immer in Erinnerung bleiben. Es lebten viele jüdische Familien darin und am liebsten besuchte ich – wie ich schon sagte – den Maler Farkas, dessen Wohnung mit Teppichen ausgestattet war und nicht einfach nur Linoleum auf dem Fußboden, wie sonst bei uns. An den Wänden hingen seine Bilder, Porträts, Blumen, Stillleben. Bei ihm durfte ich basteln oder ihm bei der Arbeit an der Staffelei zusehen. Zwischen einem Doppelfenster sprang und sang ein Kanarienvogel. Drei Parteien hatten auf diesem Gang im 2. Stock ein gemeinsames Klo. Meine Omama, der Maler und eine große Familie aus Polen, die ein so ausgeprägtes Jiddisch sprach, dass ich sie nur schwer verstehen konnte. All diese Leute konnten vom Auswandern nur träumen. Keiner hatte das Geld oder die Verbindungen im Ausland, um den kommenden Schrecken zu entgehen. Und – was heute mit all dem Wissen um das, was damals nahe Zukunft war – unverständlich erscheint, sie hatten auch gar nicht den festen Willen, Wien zu verlassen. Heute weiß ich aus der Geschichte der Juden, dass die Hoffnung eine sehr starke Kraft, oder besser gesagt, ein sehr kräftiger Hemmschuh ihrer Wesensart ist. „Uns wird schon nichts geschehen“, hörte man sie sagen, „wir haben doch nichts verbrochen?“ Andere stützten sich auf ihre Verdienste für dieses Land. Auf Kriegsorden etwa, die sie sich im 1. Weltkrieg erworben hatten. „Schlimmer als es jetzt ist, kann es doch nicht werden. Und eines Tages geht dieser Spuk auch wieder vorbei. Das Ausland kann doch nicht untätig zusehen!“ Und ob es konnte! Es hat zugesehen, wie Hitler Österreich überfiel und es hat geschwiegen, als er aus der Tschechischen Republik sein „Protektorat“ machte. Der Glaube, in einem Nazi-Deutschland halbwegs ungeschoren weiterleben zu können, wurde jäh am 9. November 1938 zerstört. Eine deutliche Warnung vor den kommenden Ereignissen gab es aber schon bald nach der Besetzung Österreichs. Die schweren Ausschreitungen gegen jüdisches Eigentum und gegen die Juden selbst, die zahlreiche Opfer durch Misshandlungen und Selbstmorde gefordert hatten, hatten im Ausland Empörung und Entsetzen ausgelöst. Das war den Machthabern nicht recht. Durch einen Aufruf, der im April durch alle Zeitungen ging, erklärten sie, die Judenfrage werde vom Staat aus gelöst, die „berechtigte Wut“ der Bevölkerung sollte eingedämmt werden, es werde dafür gesorgt werden, dass dieses Problem aus der Welt geschafft werde. War das nicht deutlich genug? Erschreckend deutlich wurden die Nazis in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938. Was damals geschah, wurde zynisch „Reichskristallnacht“ genannt, weil die Scherben der vielen zerbrochenen Fensterscheiben im Feuerschein der brennenden Synagogen wie Kristalle glitzerten und funkelten. Synagogen kann man aufbauen – wer aber kann die Menschen ersetzen, die damals dem Terror der SA und dem der Straße zum Opfer fielen? Ermordet und in den Selbstmord getrieben, verprügelt und ins KZ verschleppt. In Paris hatte ein junger Jude den deutschen Botschafter erschossen. Ein willkommener Anlass für das Hitler-Regime zum Halali auf jüdische Gotteshäuser und auf Juden selbst zu blasen. Ahnungslos ging mein Halbbruder Egon auf der Praterstraße, als er unweit seines Wohnhauses von einem Trupp braun uniformierter SA-Männer angehalten und nach mehreren Hieben mit dem Gummiknüppel mitgenommen wurde. Tagelang hörten seine junge Gattin Lizzy und wir nichts von ihm. Bis die erste Post von Egon eintraf. Sie kam aus Dachau. Hier muss ich kurz den Verlauf der Ereignisse für einige Erklärungen unterbrechen. SA war die Abkürzung für Sturmabteilung, braune Horden der schlimmsten Art. Als Saalschutz für die Versammlungen der NSDAP geschaffen, gingen sie brutal gegen die politischen Gegner vor, schüchterten sie ein oder prügelten sie bis aufs Blut. Was zunächst Kommunisten und Sozialdemokraten zu spüren bekamen, mussten nach der Machtergreifung durch Hitlers Nazis, Juden, Kleriker, Angehörige der Roma-Minderheiten und Homosexuelle erleiden. Die SS-Schutzstaffel stand in Rang und Ansehen der NSDAP-Bonzen weit höher. Die schwarz gekleideten, meist großen Männer sollten ja einmal die germanische Rasse fortpflanzen und bedingungslos dem Führer Gefolgschaft leisten. Aus ihren Reihen kamen später die Henker und Massenmörder in den Konzentrationslagern und in den auf den Feldzügen besetzten Städten und Dörfern.
Lizzy wusste, dass es eine Chance gab, ihren Mann aus Dachau freizubekommen. Sie musste ihm eine Einreisegenehmigung für die USA beschaffen. Lag die vor, war es möglich, Egons Entlassung durchzusetzen. Vor dem US-Konsulat in Wien mussten sich die Bewerber, die um ihr Leben oder das Leben ihrer Angehörigen bangten, stundenlang anstellen. Lizzy schaffte es, vorzudringen. Nach Wochen bangen Wartens kam die Erleichterung: für Egon gab es ein US-Visum und das wurde sofort der Gestapo vorgelegt. Bald darauf wurden wir von Lizzy verständigt: Egon war heimgekehrt! Aber wie! Abgemagert, mit eingefallenen Wangen, kahl geschorenem Kopf, war er kaum wiederzuerkennen. Mehr noch betroffen war sein Geist. Er war völlig geistesabwesend, konnte kaum zusammenhängend sprechen und es dauerte Tage, bis er wieder so weit war, dass man mit ihm über die weiteren Schritte seiner Flucht aus Wien reden konnte. Der fröhliche, immer zu Scherzen aufgelegte Mensch war er aber nicht mehr. Über Dachau sprach er nicht. Das hatte man ihm streng bei seiner Entlassung verboten. Mit dem Visum für Amerika hatte er nun die Chance, eine Schiffspassage von Italien nach Übersee zu erhalten. Diese Chance musste genutzt werden, denn ein Verweilen in der „Ostmark“ wäre ein schwerwiegender Fehler gewesen. Seine Trennung von der jungen Gattin, von seiner Familie und der Heimat, die ihn nicht mehr mochte, stand bevor. So kam im Frühjahr 1939 die Stunde des Abschieds. Egon nahm einen Zug, der vom Südbahnhof aus nach Italien fuhr. Am nächsten Tag war er wieder da! Was war geschehen? Just in dieser Nacht, da mein Halbbruder zur Grenze kam, hatten die Italiener auf Wunsch der Nazis die Grenze für Emigranten gesperrt! Niemand konnte mehr auf diesem Weg das Deutsche Reich verlassen. Nun war Egon wieder da und die Furcht, abermals nach Dachau geschickt zu werden, war groß. Aber es kam anders. Alles kam anders.
Der 10. November 1938 hatte auch meine Eltern alarmiert. Als ich zum Wintersemester die Realschule verlassen musste, weil man Mischlingen nicht die Möglichkeit einer besseren Bildung bieten wollte, stand für meine Eltern fest: Der Bub hat hier keine Zukunft, der Bub muss auswandern. Natürlich wollten sie das selbst auch, doch sahen sie für sich keine Möglichkeit. Für mich gab es eine: die schwedische Mission in der Seegasse. Diese schwedische Organisation hatte es sich zur Aufgabe gemacht, evangelische Kinder, die unter der Verfolgung der Nazis zu leiden hatten, herauszuholen, um sie in Schweden Pflegeeltern zu übergeben. Meine Eltern leiteten die erforderlichen Schritte ein, während ich meine Freizeit dazu nutzte, bei einer anderen Hilfsorganisation in der Wollzeile einen Kurs als Kinooperateur zu machen. Immerhin lernte ich ein bisschen etwas von der Elektroinstallation, die jeder Operateur kennenlernen muss. Nun sollte es also ich sein, der Eltern und Heimat verlassen sollte. Und tatsächlich, ich kam auf die Liste eines Kindertransports, der im Februar 1939 Wien verließ. Für mich war das alles anders als einfach. Ich hing sehr an meinen Eltern, an meiner Omama und an meinem schwarzen Spitz, meinem Berry, den ich zum achten Geburtstag geschenkt bekam und der meine Kindheit und später auch meine Jugend begleitet hat. Beruhigend für mich war die Zuversicht meiner Eltern, eines Tages nachkommen zu können. Ob sie das wirklich glaubten, oder nur vortäuschten, um mir den Abschied zu erleichtern, weiß ich nicht.
Es war ein trüber Abend im Februar, als ich auf dem Nordbahnhof, mit einem großen Koffer zu der Schar der anderen Kinder stieß, die mit mir gemeinsam die Reise in ein völlig unbekanntes Land antreten sollten. 134 Burschen und Mädchen, die alle so taten, als ginge es in ein Abenteuer und nicht in eine ungewisse Zukunft. Aber immerhin eine Zukunft ohne Verfolgung. Noch lange winkte ich aus dem Fenster, auf dem Bahnsteig winkten meine Eltern. Vermutlich war ihnen noch schwerer zumute als mir. Aber immerhin, sie wähnten mich ab nun in Sicherheit. Die fünf anderen Buben, mit denen ich das Abteil teilte, waren alle etwas älter als ich und ihre Gespräche drehten sich um ein Thema, von dem ich bisher völlig unberührt geblieben war: um Mädchen, um jene Dinge, die man mit ihnen machen könne und sogar um Homosexualität, das erkannte ich zwar damals nicht, erst später, in der Erinnerung an jene Bahnfahrt, wurde es mir klar. Der Zug brachte uns nach Berlin, wo wir am Nachmittag ankamen. Hier brachte uns ein Autobus vom Anhalter zum Stettiner Bahnhof. Von der Reichshauptstadt habe ich kaum etwas gesehen. Dann ging es wieder weiter mit der Bahn. Bis auf die Insel Rügen. Da war es aber schon Nacht. In Stralsund fuhr der gesamte Zug auf eine Fähre und nun erfuhr ich, was ein Trajekt ist. Ein großes Schiff, dessen Bauch mehrere Eisenbahnzüge aufnehmen konnte. Stieg man aus und kletterte über mehrere Treppen an Deck, war alles wie auf jedem anderen Passagierdampfer. Wir 134 Wiener hatten natürlich keine Kabinen, wir lungerten in den Salons herum, der Aufenthalt auf offenem Deck war in dieser Jahreszeit viel zu kalt. Als ich Hunger bekam, zählte ich meine „Reichsmark“ ab und ging dann in einen Speisesaal, wo mir eine Karte gereicht wurde. Das Billigste war eine Eieromelette. Ich bestellte und wurde überrascht: Der Steward stellte eine Platte vor mich hin, auf der es Wurst, Käse und kalten Fisch gab. Das hatte ich zwar nicht bestellt, dachte an einen Irrtum und langte zu. Als ich bereits satt war, kam die Omelette. Und die habe ich auch bezahlen müssen, die Vorspeisen waren gratis. Auch gut. Am nächsten Vormittag gingen wir an Land. Es war Schweden, unsere neue Heimat. Die Stadt hieß Trelleborg. Wieder gab es Busse, die uns weiterbrachten. Gegen Abend waren wir in Lund, eine der südlichsten Städte des Landes. Es war offenbar irgendeine Jugendherberge, die uns für die kommende Nacht aufnahm. Müde genug war ich. Ehe wir am nächsten Morgen aufbrachen, erhielt ein jeder von uns ein Taferl umgehängt. Darauf stand die Bahnstation, wo wir auszusteigen hatten und der Name jener Familie, die uns abholen und uns ein Heim geben sollte. Mein Taferl enthielt die Station Nässjö und den Familiennamen Gustafson. Der Zug, mit dem wir Lund verließen, war weit komfortabler als unser Zug nach Berlin. Wir fuhren durch die zunächst ebene Winterlandschaft, den südlichsten Teil von Schweden. Schon in Lund hatte ich gemerkt, dass ich meine Pullmankappe verloren oder auf der Fahrt nach Berlin vergessen hatte. Aber noch saß ich im gut geheizten Waggon der schwedischen Bahn und sie fehlte mir nicht. Am späten Vormittag wurde es unruhig in unseren Abteilen. Begleiter der schwedischen Mission riefen vor jeder Station einige Namen, die aufgerufenen Buben und Mädeln nahmen ihr Gepäck und stiegen aus. Wir sahen, wie sie am Bahnsteig von ihren Pflegeeltern empfangen wurden, winkten und fuhren weiter. Ich habe später nur einen von ihnen wieder gesehen, mit dem ich mich auf der Reise angefreundet hatte. Seinen Namen und seine neue Adresse hatte ich mir notiert: Alvesta, eine kleine Stadt in Smaland. Smaland war die Provinz nördlich von Schonen, in der auch mein Ziel lag. Smaland hat auf dem ersten A ein Ringerl, das bedeutet im Schwedischen, dass der Buchstabe wie O ausgesprochen wird. Mir fehlt dieses Ringerl auf der Schreibmaschine.
Schließlich erreichten wir Nässjö und hier wurde ich aufgerufen. Ich kletterte mit Koffer und Rucksack aus dem warmen Zug, stand etwas verwirrt in der Kälte des offenen Perrons, bis plötzlich zwei große Menschen vor mir standen und etwas sagten, das wie eine Begrüßung klang. Es war jedenfalls freundlich. Der Mann nahm mir den Koffer aus der Hand, die Frau strich mir über den unbedeckten Kopf und nahm mich an der Hand, um mich zum Ausgang des Bahnhofs zu geleiten. Der Zug war schon wieder angefahren, vermutlich winkte man mir daraus zu, doch ich habe es nicht beachtet. Wir überquerten einen verschneiten Platz und landeten in einem Gasthaus. Jetzt hatte ich Zeit, mir meine künftigen Eltern anzusehen. Der Mann hatte breite Schultern, ein langes Gesicht und buschige Augenbrauen. Er musterte mich und sagte etwas zu der Frau. Diese war fast ebenso groß, ein bäuerlicher Typ mit freundlichen Augen. Sie konnten beide nicht Deutsch, ich nicht Schwedisch. Noch nicht. Meine Mutter hatte mir ein kleines rotes Büchlein mitgegeben: Deutsch-schwedisch, schwedisch-deutsch stand darauf. Es hatte viele dünne Seiten und war ganz eng bedruckt. Es hat mir sehr geholfen, heute aber führte es zu einem seltsamen Missverständnis. Die Frau sagte etwas zu mir und deutete auf meinen Kopf. Das Wort mössor entnahm ich ihrer Frage, sah in meinem kleinen Wörterbuch nach und fand: Mütze. Offenbar wollte sie wissen, wo meine Mütze geblieben sei. Ich sah wieder nach. Ich suchte das Wort für verloren. Ich fand förlorat. Und sagte es. Verwundert sahen mich meine neuen Quartiergeber an. Den Grund dieser Verwunderung erkannte ich erst viel später. Denn förlorat hieß, etwas beim Spiel zu verlieren. Das Wort, das hier gestimmt hätte, war glömnat. Vermutlich war der erste Eindruck, den ich als „Spieler“ gemacht hatte, nicht der beste. Ich bekam zu essen und danach führten sie mich gleich in ein Geschäft am Platz, wo sie mir eine neue Mütze anpassten. Die Außentemperatur hatte es nötig gemacht. Nach kurzem Warten kam ein Autobus, wir stiegen ein und der letzte Abschnitt der langen Reise begann. Es war eine wortlose Fahrt ins Ungewisse. Sicher für beide Teile, denn was wussten diese Leute schon von mir? Welche Sorgen würde ich ihnen machen, wie mich verhalten? Mitten im Wald – so schien es mir – stiegen wir aus. Die Straße machte hier einen leichten Bogen, nach beiden Seiten zweigten Waldwege ab. Und direkt von der Busstation führte ein breiter Weg aufwärts zu einem Haus, das von Nadelbäumen umgeben war. Ein rotes Holzhaus mit weiß umrandeten Fenstern und einer weißen Türe. Wie fast alle Häuser, die ich auf der Herfahrt gesehen hatte. Wir waren da, es war mein neues Zuhause. Es war ein sehr widersprüchliches Haus. Es gab eine Wohnküche, es gab zwei schöne Wohnzimmer, in einem stand ein Harmonium, ein Radio, eine Weltkugel und überall lagen einfache Teppiche und es hingen Vorhänge vor den Fenstern. Eine Wohnkultur, die man bei uns bei kleinen Bauersleuten auf dem Hof gewiss damals nicht finden konnte. Es gab sogar ein Telefon und im ersten Stock ein Badezimmer. Aber das Klo befand sich in einem Schupfen, gut zehn Meter vom Wohnhaus entfernt. Der Bauer konnte das Radio richten, aber er fragte mich, wo London liege. Das war freilich erst viel später. Zunächst wurde ich über die Stiegen hinauf in mein Zimmer geführt. Daheim in Wien hatte ich kein eigenes, mein Bett stand im Schlafzimmer meiner Eltern. Dieses hier war genügend groß für Bett, Tisch und Kasten. Es war hell und sauber, wie alles in diesem Haus. Der erste Abend mit der neuen Familie. Da war plötzlich die Tochter. Carola. Etwa in meinem Alter. Nicht besonders hübsch, aber schlank – und immerhin ein Mädchen. Das war ja schon aufregend. Die Unterhaltung wurde mehr mit Gesten als mit Worten geführt, ich nahm öfters meinen kleinen Diktionär zu Hilfe. Schwedisch war ja nicht schwer, einiges konnte ich schon verstehen oder erraten. Hier war tiefer Winter. In den nächsten Tagen sah ich mich in der Umgebung um. Das Haus der Gustafson lag auf einem kleinen bewaldeten Hügel, an dessen Fuß der schon erwähnte Schupfen mit dem Klo lag dahinter befand sich ein Tal, durch das von der Straße weg ein Waldweg führte, auf der anderen Seite dieses Weges stand ein Stall mit einer einzelnen Kuh und mit bäuerlichem Gerät. Fahrräder waren da und Schlitten. Wovon die Familie lebte, war mir nicht klar, ich machte mir damals aber keine Gedanken darüber. Meine Ziehmutter stellte jedenfalls Kuchen her, die im zweiten Wohnzimmer am Tisch standen und ab und zu von Frauen gekauft wurden. Auch eine Schüssel mit Obst gab es, die Früchte wurden einzeln per Stück gehandelt. Am ersten Morgen lernte ich das seltsame Frühstück kennen. Es bestand aus warmer Milch, einem gesüßten, mit zerkleinerten Orangenschalen versetzten Brot, aus kaltem Fisch und einem Käse, der von einem steinharten Laib richtiggehend herunter gehackt wurde. Milch trank man hier zu allem: zum Fisch, zur Wurst, zu warmen Speisen. Alles Gewohnheitssache. Wir alle mussten uns aneinander gewöhnen.
Ich war viel allein. Carola war in der Schule, die anfänglichen Sprachschwierigkeiten bildeten eine Barriere zwischen mir und den Gustafsons. Ich lernte aber rasch, versuchte die Tageszeitung Dagens Nyheter zu lesen, wobei mir die vielen Comics zu Hilfe kamen. Bald konnte ich mich auch mit einigen Kindern eines benachbarten Bauern verständigen. Nachbar, das hieß hier eine Entfernung von zehn bis fünfzehn Minuten. Es blieb nicht unbekannt, dass ich eine Beinprothese hatte und als mich die Kinder mit „der Jude mit dem Holzfuß“ laut verspotteten, zog ich mich von ihnen zurück. Dafür durfte ich mit Carola eines Tages in die Schule gehen und wurde dort neugierig empfangen. Der Lehrer sprach etwas Deutsch und ließ mich am Unterricht teilnehmen. Er fragte mich über Wien aus und übersetzte meine Antworten für die Schüler. Mit einigen von ihnen spielte ich auf dem tief zugefrorenen Stensjö (Steinsee) Eishockey. Da ich keine Schlittschuhe hatte, stand ich im Tor. Kein Wunder, dass ich stürzte und mir dabei das rechte Schlüsselbein brach. Vater Gustafson brachte mich per Autobus nach Nässjö zum Arzt, der mir den rechten Arm zur Ruhestellung in eine Schlinge legte. Der Bruch heilte bald, als ich Wochen später in der Scheune einen Schlitten von der Zwischendecke herunterheben wollte, machte es einen Knacks – der Schmerz war wieder da und das Schlüsselbein war auch wieder kaputt. Diesmal sagte ich aber nichts, ertrug still die Schmerzen und wartete, bis das Schlüsselbein wieder zusammengewachsen war. Wöchentlich erhielt ich einen Brief meiner Eltern. Beigefügt war immer ein Retourschein im Wert einer Briefmarke, für den ich einen Brief nach Wien schicken konnte. So riss die Verbindung nie ab. Aber mein Heimweh wuchs. Auch der schwedische Winter ging langsam vorüber und als der Schnee geschmolzen war, brachte mir Carola das Radfahren bei. Es war ungewöhnlich, hier nicht mit dem Rad unterwegs zu sein. In der Scheune standen mehrere Fahrräder und jeder konnte sich nehmen, was er wollte. Eines Tages – es war gegen Abend – kam eine völlig fremde Frau ins Haus, klagte, dass sie den Autobus versäumt habe und bat, ihr ein Rad zu überlassen; sie werde es am nächsten Tag mit dem Autobus zurückschicken. Ohne Zögern gab Vater Gustafson das Rad her. Er war sich sicher, dass es morgen wieder da sein würde. Und so war es auch. Auf zwei Rädern war ich jetzt beweglich, ich wurde aber auch zu Besorgungen eingespannt. Oft blieb ich lang vom Haus weg, um der Gefahr, neue Aufträge zu erhalten, zu entgehen. Als der Frühling voll da war, die Sonne wärmte und die Büsche grün wurden – die Bäume waren zumeist Nadelbäume – wurde mein Heimweh stärker. Dazu kam eine unbestimmte Angst. Hier im neutralen Schweden wussten die Leute mehr von der Weltpolitik als im ab- und eingeschlossenen Deutschen Reich. Man sprach von Krieg. Davon, dass Deutschland in Europa Krieg machen werde. Ich wollte es zwar nicht glauben, fürchtete aber doch, im Fall, dass es wahr werden würde, von daheim völlig abgeschnitten zu sein. Der Gedanke, dann lange Zeit nichts von meinen Eltern in Wien zu hören, machte mir Angst. Was würde aus ihnen werden? Wenn ihnen etwas zustoßen würde – ich würde es nicht erfahren.
Ich machte mir aber auch über mich selbst Gedanken. So wie die Lage hier auf dem Land war, weit entfernt von jeder größeren Stadt, fragte ich mich, was aus mir werden sollte. Könnte ich einmal in eine höhere Schule gehen? Würden die Gustafson das bezahlen können? Sollte ich ein Handwerk lernen? Welches und wo? Ich war immerhin 14 Jahre alt. So reifte in mir der Wunsch, wieder nach Hause zurückzukehren. Vielleicht aber waren das nur Vorwände. War nicht mein Heimweh die eigentliche Triebfeder? Heimweh – wonach? Nach diesem Land, das jetzt die Ostmark war? Oder doch nur die Sehnsucht, wieder bei meinen Eltern zu sein? An eines dachte ich jedenfalls nicht. Dass es für mich gefährlich, ja lebensgefährlich werden könnte, zurückzukehren. Also schrieb ich jammernde und traurige Briefe nach Wien, und wer meine Mutter kannte, der wusste, dass diese Briefe Eindruck machten. Meine Mutter verhandelte in Wien mit der schwedischen Mission, ich kann mir denken, dass die keine Freude mit mir hatten. Mein Vater sagte zu, meine Heimreise zu bezahlen, und da zu jener Zeit noch kein „J“ für Jude meinen Reisepass zierte, konnte ich heimfahren. Ich weiß heute nicht mehr, wie die Gustafson darauf reagiert haben, vermutlich sahen sie in mir einen undankbaren Pojke (Knaben), was ja auch gestimmt hat. Über diese Zeit kann ich nichts berichten, ich habe sie offenbar verdrängt. Jedenfalls durfte ich im Juni die Fahrt nach Wien antreten und war glücklich, wieder hier zu sein. Wäre ich heimgereist, wenn ich gewusst hätte, was noch auf mich zukommen würde? Eine müßige Frage. Mit weniger Glück hätte mich mein Heimweh das Leben gekostet. Jetzt war ich mitten im Jahr 1939 wieder in der kleinen Gemeindewohnung in Währing. Was tun? Die Schule wollte mich nicht mehr, also sollte ich einen Beruf erlernen. Das war mir ohnedies viel lieber. Von der Schule hatte ich nie viel gehalten. Noch war Zeit, darüber nachzudenken: In dieser Zeit traf ich meinen Freund Kurt wieder und wir beschlossen, gemeinsam eine Operette zu schreiben. Er die Musik, ich den Text. So blieben wir in guter Verbindung. Kurz nach meiner Ankunft in Wien zogen meine Eltern mit mir wieder nach Mauer in unser Sommerhaus. Ich hatte natürlich stolz erzählt, dass ich Radfahren gelernt habe und es dauerte nicht lange, so hatte ich ein nagelneues Fahrrad, Marke NSU. Ein starkes Rad mit dicken Reifen, einem kräftigen Rahmen und allem, was ein Rad so brauchte. Ich war glücklich.
Habe ich schon von meinem Freund Karli erzählt? Nun, Karli war in meinem Alter, größer, kräftiger und ein guter Kumpel. Karli war der Neffe unseres Nachbarn in Mauer. Er war ohne Vater aufgewachsen und sein Onkel, Herr Radenic, war wie ein Vater zu ihm. Karli hatte schon vor der Nazizeit mit uns besten Kontakt und ging oft auf unseren Ausflügen mit. Mein Vater machte mit uns regelmäßige Wanderungen an Sonntagen. Wenn er aber zeitlich früh losmarschieren wollte, konnte mein Freund nicht mitgehen. Denn Karli musste Sonntagvormittag unbedingt in die Kirche. Nach dem März 1938 war das freilich anders. Karli kam zur DJ, später zur HJ und da ging man nicht in die Kirche. DJ, HJ – was war das? Das deutsche Volk, wir Österreicher, waren ja jetzt auch Deutsche – war ein Volk von Uniformträgern und organisierten Befehlsempfängern geworden. Für alles gab es Einheiten, Formationen, Organisationen. Und fast jeder war irgendwo dabei. Nach meiner Heimkehr aus dem ruhigen, beschaulichen Stensjön war mir das besonders aufgefallen, braune Uniformen, schwarze Uniformen, Burschen, Mädchen in Uniformen – auf jeder das Hakenkreuz als Armbinde, als Abzeichen. Und jeder und jede reckte den rechten Arm empor und grüßte stramm und laut mit „Heil Hitler“, dem „deutschen Gruß“. Schon das parodierende „drei Liter“ konnte einem zur Gestapo und ins Gefängnis bringen. Es gab genug Denunzianten, die jederzeit bereit waren, solche „Beleidigungen“ zu melden. Eigentlich war jeder „Volksgenosse“ dazu verpflichtet. Buben und Mädchen ab zehn Jahren mussten zum DJ, dem Deutschen Jungvolk. Auch Pimpfe genannt, was damals keinesfalls ein Schimpfwort war. Mit 14 kamen die Burschen zur HJ, der Hitlerjugend, die Mädchen zum BDM, dem Bund deutscher Mädchen. Der Druck auf die Eltern, ihre Kinder zu den Heimabenden, Appellen und Aufmärschen dieser Organisationen zu schicken, war enorm. Von der Schule und von der Partei, der NSDAP (Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei). Dem konnte sich niemand widersetzen, wollte er nicht gebrandmarkt und beruflich schwer gefährdet werden. Den restlichen Druck übten die Nachbarn und die Kollegen in den Betrieben aus. Aber zumeist bedurfte es gar keines Zwangs. Die Jugend begeisterte sich an Uniform, Drill und Kameradschaftlichkeit. Stolz trugen die Burschen ihre HJ-Dolche und Fahnen, marschierten mit Trommeln und Fanfaren durch die Gassen und sangen Lieder, die vom Judenhass und von der großen Zukunft Deutschlands geprägt waren. All das diente der vormilitärischen Erziehung und dem unbedingten und nicht hinterfragten Gehorsam dem „Führer“ Adolf Hitler gegenüber. Die Mädchen wurden im BdM, dem „Bund deutscher Mädchen“, auf ihre künftige Rolle als „Heldenmütter“ vorbereitet, die sich mit den besten „germanischen Männern“ – den SS-Leuten – paaren sollten, um Deutschland gesunde und arische Söhne zu schenken. Von den meisten damals unverstanden zielte alles nur auf eine Richtung hin: Krieg. Wer über das Alter von HJ und BdM hinausgewachsen war, konnte nun aus eigener Entscheidung zur SS oder SA oder zur Deutschen Frauenschaft. Vielen wurde der Beitritt in die Nazi-Formationen schmackhaft gemacht, indem sie beim NSKK (Nationalsozialistisches Kraftfahrkorps) die Gelegenheit hatten, mit Motorrad und Auto zu fahren, was sie sich privat nicht hätten leisten können. Oder sie ließen sich aus Liebe zum Reitsport zur Reiter-SA verführen. Neutral konnte keiner bleiben. Der Angestellte und Arbeiter war in der DAF (Deutschen Arbeitsfront) und wenn er schon keine Uniform trug, so heftete man ihm doch ein Abzeichen an die deutsche Brust. Wem das alles fehlte, der war sowieso verdächtig. Und die Juden würden ja eines Tages – so weit noch vorhanden – mit einem gelben Stern weithin sichtbar gemacht werden.
Der Sommer 1939 war schön und noch – zumindest für mich – sorgenfrei. Ich hatte mein Rad, mein Freund Karli hatte auch eines, wir waren viel in der Umgebung unserer Siedlung unterwegs. Häufig besuchten meine Mutter und ich meine Großmutter im Haus Praterstraße 50, nur einige Häuser weiter lebten Lizzys Eltern, also die Schwiegereltern meines Bruders Egon. Egon wohnte bei ihnen, immer in der Angst, wieder abgeholt und nach Dachau zurückgeschickt zu werden. Denn mit seiner Ausreise ist es ja nichts geworden. Dass dort die Stimmung entsprechend gedrückt war, lässt sich verstehen, aber ich, in meiner jugendlichen Unbekümmertheit, nahm das gar nicht so wahr. Noch kannte ich nicht den Ernst der Lage, in der wir alle waren. Mit meinem Freund Kurt hatte ich ebenfalls nach wie vor Verbindung und damals stand ein gemeinsamer Traum auf unserem Programm: Wir wollten eine Operette schreiben. Kurt die Musik, ich das Libretto. Zwei Bücher habe ich im Verlauf eines Jahres geschrieben, ich habe sie heute noch. Was aus Kurts Musik geworden ist, weiß ich nicht. Der Krieg hat alles verändert. Der Krieg, der noch in diesem Sommer beginnen sollte. Inzwischen hatte sich auch der Nebel um meine Berufswahl gelichtet. Schneider sollte ich werden, das gefiel mir auch recht gut. Einen stehenden Beruf wollten mir meine Eltern nicht zumuten, einen, der eine schulische Ausbildung voraussetzte, konnte ich ja nicht anstreben. Ich wäre ja nirgends aufgenommen worden, als Sohn einer jüdischen Mutter. Wie man die Lehrstelle für mich fand, weiß ich heute nicht mehr. Es war ein größeres Geschäft in der Währinger Straße gegenüber der Volksoper. Sein Besitzer – Ariseur – hieß Hess und war damals Innungsmeister. Er und seine Frau natürlich riesige Nazis, und warum er gerade mich, einen nicht „rassereinen“ Lehrling, aufgenommen hat, weiß ich bis heute nicht. Da mein Eintritt in seine Schneiderei im September 1939 mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges zusammenfiel, kann ich heute nur vermuten, dass er damals sicher sein konnte, ich würde ihm erhalten bleiben und nicht einrücken müssen. Nein, das ist sicher eine falsche Überlegung: Denn ich war 14 und bis zu meinem wehrfähigen Alter – so waren die Nazis ja überzeugt – würde der Feind geschlagen und Europa unterworfen sein. So erinnere ich mich an ein munteres Gespräch meines Chefs – ein hagerer Mann mit Adlernase – in dem er einem Kunden versicherte: „Jetzt werden wir ja bald die guten englischen Stoffe bekommen, wenn unsere Truppen England besetzt haben.“ So kann man sich irren! So ungern ich manchmal in die Schule gegangen bin, so gern ging ich zur Arbeit. Auch wenn ich an jedem Morgen eine halbe Stunde früher als die dort tätigen Schneiderinnen in der Werkstatt sein musste, um auszukehren. Ich sehe mich heute noch, wie ich aus 60 m² Werkstatt den Mist zusammenkehrte, um dann mit einem großen Magnet die vielen Stecknadeln herausholen musste, die tagsüber zu Boden gefallen waren. Der Leiter der Werkstatt war Meister Hunka, zum Unterschied vom Besitzer gar kein Nazi, im Gegenteil, wie ich später erfahren sollte. Er war überzeugter Kommunist. Hunka hatte die Aufgabe, mich in die Kunst mit Nadel und Schere einzuweihen. Ich hatte meinen eigenen Fingerhut, auch eine Schneiderschere musste ich besorgen und mitbringen. Zwei Dinge lernte ich zu Beginn: Kragen zu pikieren und getragene Herrenanzüge aufzutrennen. Das Pikieren bestand in einer Unzahl von richtig angebrachten Stichen, der Faden musste den Kragen so beeinflussen, dass er sich in der gewünschten Form leicht krümmte. Das Auftrennen der Anzüge war damals nichts Besonderes. Mangels an Stoffen ließen nicht nur arme Leute ihre Anzüge wenden. Und arm waren die Kunden vom Hess bestimmt nicht. Wenn ich die Anzüge lieferte, kam ich in Wohnungen wohlhabender Leute, manchmal sogar in Villen. Das Trinkgeld betrug meist 50 Pfennige. Ja, die Deutschen hatten bald nach ihrem Einmarsch den guten Alpendollar durch ihre Reichsmark ersetzt, sie hatten auch die alte Links-Fahrordnung in Österreich abgeschafft, nun fuhr man rechts, auch die Straßenbahnen wurden natürlich umgestellt, nur die Stadtbahn behielt die alte Ordnung bei. Im Herbst übersiedelten wir wieder aus unserem kleinen Holzhaus in Mauer in unsere noch kleinere Gemeindewohnung in Währing, die man uns noch gelassen hatte. Von hier aus waren es nur wenige Stationen mit der Linie F zu meiner Arbeit. Mein Chef war mit mir zufrieden, mich freute die Arbeit.
Der Krieg, der im September begonnen hatte, verlief ganz nach den Wünschen der Deutschen. Polen wurde besiegt, Warschau zerbombt, die Welt sah zu. Mein Bruder Robert, der Arier in unserer Familie, musste einrücken und kam später an die Westfront, wo die Franzosen einen Wall aus Stahl, Beton und Kanonen aufgebaut hatten, um gegen Hitler gerüstet zu sein. Was ihnen ebenso wenig helfen sollte, wie den Polen ihr heroischer Widerstand. Die Begeisterung der überwiegenden Menschen in Wien war groß. Die Wochenschau zeigte den Feuersturm deutscher Truppen auf polnische Städte und Dörfer und die Propaganda machte aus den dort lebenden und leidenden Menschen Untermenschen. Sie dachten nicht daran, dass ihnen einmal ein ähnliches Schicksal widerfahren könnte. Für die Wiener Juden sollte sich die Eroberung Polens als verhängnisvoll erweisen. SS und Gestapo bereiteten in polnischen Städten mit großem jüdischen Bevölkerungsanteil die Unterbringung der Juden aus der Ostmark und dem Altreich vor. Hitler hatte ja seinem Volk versprochen, die Judenfrage zu lösen. Zu den ersten, die von der SS aus ihren Wohnungen geholt wurden, um – nur mit einem einzigen Koffer – verschleppt zu werden, gehörten mein Bruder Egon und seine Frau Lizzy. In Sammeltransporten wurden von nun an Juden nach dem Osten gebracht. Es dauerte einige Wochen, ehe wir Post von Egon erhielten. Er und Lizzy waren in Kielce gelandet. In einem Haus mit anderen, dort ansässigen jüdischen Familien. Um das Viertel herum war alles abgesperrt, es war das Ghetto von Kielce. Aber noch lebten sie, konnten sich spärlich ernähren und damit sie nicht zu sehr frieren mussten, durften wir mit der Post warme Wäsche und Bettwäsche an sie schicken. Trotzdem waren sie ihres Lebens niemals sicher. Willkür und Terror der SS ließen sie keine Ruhe finden. So geschah es eines Tages, dass ein junges Ehepaar aus Tschechien, das mit ihnen im gleichen Haus wohnte, von der SS abgeholt wurde. Der Mann hatte Kassiber, also verbotene Briefe, aus dem Ghetto hinausgeschmuggelt und war dabei ertappt worden. Das vierjährige Töchterl blieb bei der Lizzy zurück. Plötzlich tauchten noch einmal die SS-Mörder im Haus auf. Sie holten das Kind ab. „Ich will zur Mama“, klagte die Kleine. „Wir bringen dich zur Mama“, sagte einer der SS-Männer. Das Kind folgte ihnen hinaus. Draußen fielen einige Schüsse. Sie hatten das Mädchen im Hof erschossen. Es war – im anderen Sinn – zu seiner Mama gebracht worden. Wie das Schicksal so spielt: Ich habe diese Episode nach dem Krieg von der heimgekehrten Lizzy erfahren und sie 1946 in der kommunistischen Frauenzeitung „Stimme der Frau“ veröffentlicht. Daraufhin sprach mich eine junge Kollegin in der „Volksstimme“ an. Sie vermutete in der ermordeten Familie entfernte Verwandte von ihr. Als Lizzy mir den Namen der Opfer nannte, bestätigte sich diese Vermutung. So wurde ich mit der Kollegin näher bekannt, sie hieß Gretl Hanus und wurde vier Jahre später meine Frau. Für uns in Wien ging das Jahr 1939 ohne besondere Ereignisse zu Ende. Ich lernte Knopflöcher zu machen, was lange Zeit keineswegs zur Zufriedenheit meines Meisters ausfiel. Ich besuchte zum ersten Mal die Volksoper und sah „Zar und Zimmermann“. Mein Vater saß fleißig täglich am Küchentisch, große Bögen mit unheimlich vielen Zahlen vor sich, die er nachzurechnen hatte. Zum Glück war ihm diese Beschäftigung bei der großen Strumpffirma geblieben. Von der kleinen Pension, die dem im Vorjahr gekündigten Staatsbeamten zugesprochen worden war, konnten wir nicht leben. Obwohl es ja kaum noch etwas zu kaufen gab. Die Lebensmittel waren rationiert, es gab Lebensmittelkarten, auf denen die Marken aufgedruckt waren. Kleine Kästchen, auf denen die Art der Ware und deren Menge standen. Für Brot, Fett, Fleisch, Wurst, Kaffee und dergleichen. Aber es war genug, um nicht zu hungern.
Zu Beginn des Jahres 1940 erhielten wir die Nachricht, dass Robert an der Westfront verwundet worden sei. Er lag in einem Lazarett bei Köln. Mama, die Jüdin, die ja Wien nicht hätte verlassen dürfen, machte sich sofort auf den Weg, um ihren Stiefsohn zu besuchen. Robert war nicht lebensgefährlich verletzt und Mama kehrte beruhigt wieder heim. Die Reise war ohne Zwischenfall verlaufen. Besucht hatte ihn auch seine Freundin Maria, die damit den Grundstein für ihre spätere Ehe mit meinem Bruder gelegt hatte. Eine Ehe, mit der meine Eltern nie einverstanden waren. Besser konnte unsere Situation nicht charakterisiert werden: Während Robert für „Führer und Vaterland“ an der Front verwundet worden war, musste Egon unter den Schergen eben dieses Führers leiden und täglich um sein Leben bangen. Und ich? Ich ging bei einem Obernazi in die Lehre, noch völlig unangefochten. Noch. Die Wende zum Schlechteren bahnte sich schon an. Im Sommer 1940 unternahmen mein Freund Karli und ich eine große Radtour. Zwei Wochen waren wir unterwegs. Von Wien auf der Reichsstraße über Linz und Salzburg bis zum Königssee und nach Berchtesgaden. In Marchtrenk verloren wir einen Tag, denn der Regen, der uns von Linz aus begleitet hatte, war zu stark geworden. Wir übernachteten in billigen Gasthäusern und ernährten uns spartanisch. Wir mussten mit dem Geld und den Lebensmittelmarken haushalten. Der Rückweg führte uns über das Ennstal, Bruck an der Mur und über den Semmering nach Hause. Der Krieg ging weiter, ganz im Sinn der Nazis. Frankreich wurde erobert, die Deutschen in Paris. Nach und nach marschierten sie in Holland und in Belgien ein. Ungebremst wandten sie sich dem Balkan zu, das Königreich Jugoslawien wurde zwar eingenommen, doch mit dem Widerstand der serbischen Partisanen wurden die Deutschen nie fertig. Über uns brauten sich finstere Wolken zusammen. Ein Cousin meines Vaters, den ich nie kennengelernt hatte und von dessen Existenz ich auch nichts wusste, sah sich veranlasst, ein von Papa wohl gehütetes Geheimnis zu verraten: seine Mutter, 1930 verstorben, war Jüdin gewesen. Der liebe Verwandte zeigte das beim Gausippenamt – jener Behörde, die für die „Reinhaltung der arischen Rasse“ zuständig war, an. Damit hatte sich mit einem Schlag unsere Lage katastrophal verschlechtert. Jetzt war der Halbjude Karl Beyer mit einer Jüdin verheiratet und ich, der bisherige Halbjude, hatte einen dritten jüdischen Großelternteil dazu bekommen. Nach den Nürnberger Rassegesetzen hieß das, dass ich nun ein „Geltungsjude“ war. Obwohl getauft, obwohl christlich aufgewachsen – ich war Jude. Und meinem Vater erging es nicht besser. Sie arbeiteten schnell und unbürokratisch, die Nazis. Wir flogen aus unserer Gemeindewohnung hinaus, ich von meiner Lehrstelle. Zum Glück hatten wir noch das Sommerhaus in Mauer, Steinklammergasse 7. Wir übersiedelten dorthin, jetzt erfuhr auch unser Nachbar, der Schulwart und stramme Nationalsozialist, von der Wende, die uns ereilt hatte. Der Kontakt wurde nach jahrelanger Freundschaft sofort abgebrochen. Und er selbst teilte uns mit, dass mein Freund Karli nun nicht mehr mit mir zusammenkommen dürfe. Ich war bestürzt und weinte. Papa verlor seine Arbeit bei „Amazone“ und die Mini-Pension vom Staat reichte kaum aus, um uns zu ernähren. Da war aber zum Glück die Tante Martha, Mamas Schwester, die mit einem „Arier“ verheiratet war. Sie half immer wieder aus, zuerst mit Geld und später, als man uns keine Fleischmarken mehr gab, auch hin und wieder mit fünf oder zehn Deka Wurst. Marthas Mann, mein Onkel Fritz, war bis 1938 als Bauingenieur im Stadtbauamt tätig, musste aber wegen seiner jüdischen Frau gehen. Beschäftigung fand er bei einer Baufirma, die in Wiener Neustadt für die Flugzeugwerke Gebäude errichtete. Onkel Fritz hatte eine große Wohnung in der Unteren Viaduktgasse im dritten Stock. Diese Wohnung besaß ein Badezimmer, damals eine Seltenheit. Und wir durften dort auch unser wöchentliches Bad nehmen. Oft waren Mama und ich auch in der Praterstraße bei meiner Großmutter, die ich sehr gern hatte. Es war ein Haus voller Juden und daher ein Haus voller Angst. Wie sich bald herausstellen sollte, eine begründete Angst. So flott die Nazis mit unserer Diskriminierung waren, unsere Lebensmittelkarten waren inzwischen mit der Aufschrift „Jude“ überdruckt worden – so sehr hatten sie mich beim Arbeitsamt aus den Augen verloren. In der Hermanngasse gab es ein Arbeitsamt für Juden, doch das hatte mich längere Zeit übersehen, worüber ich keineswegs bös war.
Aber eine Beschäftigung brauchte ich. Durch Mundfunk erfuhren wir, dass ein kleiner Schneider in Margareten bereit wäre, mich illegal zu beschäftigen. Einige Tage hielt ich es dort aus, seine Werkstatt war die Wohnung und die Leute dort gefielen mir nicht. Ich blieb weg. Anders war es dann beim Messerschmied Eisemann. In der Alliiertenstraße in der Leopoldstadt. Er hatte im Keller einen kleinen Betrieb, im gleichen Haus seine Wohnung. Auch seine Frau war Jüdin und so nahm er mich auf. Außer ihm arbeiteten noch seine etwa 18-jährige Tochter und ein junger Geselle in dem Gwölb, in dem es nur künstliches Licht gab. Obwohl ich von Mauer aus einen weiten Weg hatte, den ich bei trockenem Wetter mit dem Fahrrad zurücklegte, war ich gern dort. Auf Polierscheiben hatte ich die gefertigten Bestecke und Jagdmesser zu säubern und auf Hochglanz zu bringen. Auch montierte ich Griffe an Gabeln, Messern und Löffel. Unangenehm waren nur die Lieferungen. Mit einem schweren Koffer voller Bestecke fuhr ich mit der Straßenbahn zumeist in die Mariahilferstraße zu einem Billig-Kaufhaus namens Falnbigl. Ich war nun fünfzehn Jahre alt, von der Gesellschaft verfemt, ständig in Gefahr, nach dem Osten verschickt zu werden und doch hatte ich noch Kontakt zur anderen Seite. Der wurde durch meinen Freund Kurt Adamcik aufrechterhalten, dessen Vater sich ja im März 1938 als illegaler Nazi entpuppt hatte. Durch ihn traf ich einige andere frühere Mitschüler, was mir aber wenig Freude bereitete. Sie hatten trotz Krieg ihren Spaß miteinander, eben wie Burschen in diesem Alter so sind. Ich blieb Außenseiter. Wenn man einen Bruder hat, der nach Kielce verschleppt worden war, wenn man selbst auf Abruf lebte, konnte man mit der unbeschwerten Fröhlichkeit seiner „arischen“ Altersgenossen nicht mithalten. Dazu kam, dass ich oft genug in Lebensgefahr war. Hätte mich eine Streife nach 20 Uhr – im Sommer nach 21 Uhr – auf der Straße angetroffen, wäre ich weg gewesen. Wäre ich im Kino oder im Theater in eine Kontrolle geraten, wäre ich weg gewesen. Nichts, rein gar nichts, war mir erlaubt. Am sichersten war ich noch am Stehplatz in der Staatsoper und im Burgtheater. Später, als ich meine Freundin Irene kennenlernte, besuchten wir auch Konzerte im Musikverein und im Konzerthaus. Hier, bei den „besseren“ Leuten, vermuteten die Behörden offenbar keine gesuchten Verbrecher, Juden und Deserteure. Die Streifen von Polizei und Feldgendarmerie waren hier äußerst selten. Im Kino konnte es dagegen passieren, dass plötzlich während der Vorstellung das Licht anging und Uniformierte die Gänge entlang gingen, um nach jungen Männern auszuschauen, die eigentlich an der Front sein müssten. Zum Glück habe ich das nie erlebt, sonst würde ich diese Zeilen nicht schreiben können. Die Schikanen aber gingen weiter. Seit Jänner 1940 gab es für Juden nur noch einige wenige Geschäfte, wo sie Lebensmittel einkaufen durften. Natürlich in Mauer, wo wir immer noch unbehelligt in unserem Sommerhaus wohnen durften, und wo es sonst weit und breit keine „Nichtarier“ mehr geben durfte, gab es kein derartiges Geschäft. Ich musste mit dem Rad nach Meidling fahren, um dort das Wenige, das wir auf unsere „J“-Karte bekamen, einzukaufen. Der Fleischhauer, der für uns zuständig war, hatte in der Breitenfurter Straße seinen Laden. Aber lange gab es für uns sowieso kein Fleisch mehr. Nach und nach wurden außer Fleisch für uns gestrichen: Fisch, Weißbrot, Milch, Eier, Obst, Schokolade, Kaffee und Tee. Es blieben Hungerrationen. Nächst dem Hohen Markt gab es ein kleines Milchgeschäft, dessen Besitzerin, eine Frau aus Breitenfurt, Produkte aus ihrer landwirtschaftlichen Umgebung verkaufte. Sie kannten meine Eltern noch aus der Vorkriegszeit, als sie ihre Milch auch in unserer Siedlung von Haus zu Haus verkaufte. Bei ihr bekamen wir meist Milch, manchmal auch ein Ei. Weitere Hilfe kam – wie schon gesagt – von Tante Martha, die aber ihr Samaritertum oft geheim halten musste, weil Onkel Fritz es nicht gern sah. Verständlich, denn da war ja noch Kurti, ihr Sohn, der im Wachsen war und einiges brauchte.
Die Ernährungssorgen waren aber nicht unser größtes Problem. Die Nazis hatten schon im Juni 1938 die „Zentralstelle für jüdische Auswanderung“ im ehemaligen Rothschild-Palais in der Prinz-Eugen-Straße gegründet. Eine Einrichtung, wie man jetzt weiß, von Adolf Eichmann, wo berüchtigte Gestapo-Schergen wie SS-Hauptsturmführer Alois Brunner ihren Dienst versahen. Zunächst tatsächlich für die Auswanderung der Juden zuständig, wurde dieses Amt später die Grundlage zur Deportation der Tausenden in Wien verbliebenen Juden in die Vernichtungslager. Irgendwann im Jahr 1940 erhielten auch wir die Aufforderung per Post, zur Registrierung in die Zentralstelle zu kommen. Mit allen persönlichen Dokumenten. Zeitlich am Morgen kamen meine Eltern und ich dort an und sahen in der Halle und im Stiegenhaus auf der breiten Treppe bereits einige hundert Menschen, die dort angestellt waren. SS-Männer in Uniform ordneten in rüdem Ton die Menschenschlange. Langsam ging es weiter, nach etwa zwei Stunden standen wir in einem Büro, hinter einem Schreibtisch zwei Gestapobeamte. Klein und verängstigt standen wir vor ihnen. Da blickt einer auf, sieht mich scharf an und brüllt los: „Ein Jude mit einem Trachtenjanker? Das ist doch eine Frechheit! Dass wir dich nicht noch einmal mit dieser Kleidung erwischen!“ War es jetzt aus? Kam ich hier noch einmal auf freiem Fuß hinaus? Was war überhaupt passiert? Nachdem wir auch keine Kleidung kaufen konnten, hatte meine geschickte Mama aus einer feldgrauen Decke für mich einen Janker geschneidert. Ahnungslos hatte ich ihn an diesem Tag angezogen. Wer konnte wissen, dass dieses „arische“ Kleidungsstück dem Gestaposchwein die Zornesröte ins Gesicht treiben würde? Natürlich waren wir erschrocken und fürchteten das Schlimmste. Bei diesen Untermenschen konnte man ja nie wissen… aber es ging gut aus. Wir legten unsere Papiere vor, beantworteten einige Fragen und wurden als Juden für die „Auswanderung“ registriert. Auswandern konnte aber zu dieser Zeit niemand mehr. Es gab noch illegale Transporte nach Jugoslawien, das von den Deutschen noch nicht besetzt war, aber nach reichlicher Überlegung erschien das meinen Eltern als zu gefährlich. Und von Gaskammern wussten wir ja noch nichts. Und Robert? Nach Verwundung und Entlassung aus dem Spital ließ man ihn nur kurz nach Hause, er blieb der deutschen Wehrmacht erhalten. KV (Kriegs-verwendbar) war er noch nicht und so steckte man ihn in eine andere Uniform und schickte ihn nach Berlin. Er gehörte jetzt zur Luftwaffeninfanterie, eine Art Bodenpersonal für die Flieger, das Flugplätze und andere Einrichtungen zu bewachen und zu schützen hatte. Aber Robert hatte Glück. Er brauchte nicht auf einem Flugplatz Wache zu schieben, sondern kam ins Zentrum der Macht. Sein Dienst bestand in der Bewachung von Feldmarschall Hermann Göring, einer aus dem Triumvirat Hitler – Göring – Goebbels. Er war Oberbefehlshaber der deutschen Luftwaffe, ein feister, aufgeblasener Kerl, über dessen voluminösen Oberkörper sich zahlreiche Orden ausbreiteten. Gerade er hatte dem Volk Kanonen statt Butter „verordnet“. Als er in einer Rede zu Beginn des Krieges leichtfertig erklärte, wenn nur ein einziges feindliches Flugzeug in den deutschen Luftraum eindringen sollte, dann könnte man ihn „Maier“ nennen, hatte er sich seinen eigenen Spitznamen geschaffen. Also schrieb Robert, er stehe Wache vor der Schlafzimmertür des Ehepaares Göring, es gehe ihm gut und er treffe dort allerlei Nazibonzen. Er formulierte es anders. Damals ahnten wir noch nicht, dass uns – meinen Eltern und mir – dieser Umstand einmal das Leben retten sollte. Weniger schön, ja miserabel, sah es auf der anderen Seite unseres kleinen Kosmos aus. Auf der jüdischen.
Seit 1938 sind 44.000 Wohnungen, in denen jüdische Familien gelebt hatten, „arisiert“, das heißt, geraubt worden. 44.000 von insgesamt 70.000. Im Sommer 1939 begann die Umsiedlung der Beraubten in Wohnungen der Leopoldstadt, in denen ebenfalls Juden lebten. Mehrere Familien in einer Wohnung. Ab Juni 1941 war ihnen eine selbständige Übersiedlung verboten. Meine liebe Großmutter durfte noch in ihrer Zweizimmerwohnung bleiben, denn das Haus Praterstraße 50 war ein „Judenhaus“. Hier wohnte der Maler Farkas, den ich als Kind oft besucht hatte, um ihm bei seiner Tätigkeit an der Staffelei zuzusehen. Von ihm erhielt ich auch Werkzeug, Hammer, Zange, Nägel, mit denen ich bei ihm basteln durfte. Dann war da am gleichen Gang, an dem die Wohnung meiner Omama lag, eine Familie mit vielen Kindern aus dem Osten, Ostjuden, die fast nur Jiddisch sprachen und die ich kaum verstand. Eine Verwandte von Mamas erstem Mann lebte auch in diesem Haus. Im Hausflur gab es den kleinen Milchladen der Frau Nagy und in der Hausbesorgerwohnung das Ehepaar Götzl mit zwei Kindern. Die Götzls und die Frau Nagy dürften die einzigen „Arier“ in diesem Haus gewesen sein. Zwei Jahre später waren alle anderen Parteien verschleppt und ins KZ gebracht worden. Meine geliebte Omama hatten sie mit 78 Jahren aus der Wohnung gezerrt, auf einen Lastwagen gehoben und nach Theresienstadt gebracht. Zwei Wochen später war sie tot. Noch war es nicht so weit. Die Schikanen auch gegen diese gütige und allseits beliebte Frau – ihr Name war Ernestine Jakobsohn – hatten aber längst begonnen. Bereits im September 1939, kurz nach Kriegsbeginn, musste sie, wie alle Juden, ihr Radiogerät abgeben. Kostenlos. Dass sie überhaupt ein Radio besaß – wir hatten zu dieser Zeit noch keines – lag daran, dass ihr Sohn Max, der jüngere Bruder meiner Mutter, der hier sein Zimmer hatte, Elektriker war und den Radioempfänger vor einigen Jahren selbst gebaut hatte. Nun war er weg. Zuerst der Empfänger, zwei Jahre später auch sein Erbauer. Übrigens greife ich hier vor: im November 1941 mussten die noch in Wien verbliebenen Juden alle Schreib-, Rechen- und Vervielfältigungsapparate abliefern, ebenso Fahrräder, Fotoapparate und Ferngläser. Der Nazi-Raubzug gegen die „Nichtarier“ ging also weiter. Natürlich behielt ich mein Fahrrad, ich glaube, wir hatten von dieser Verordnung gar nichts gehört. Wir in Mauer lebten noch für kurze Zeit in einer heilen Welt. Am 5. Jänner 1942 kam die Anordnung, dass alle Juden ihre Pelzmäntel, Wollbekleidung, Skier, Ski- und Bergschuhe abzugeben haben. Das war ein gutes Zeichen. Es zeigte, dass sich die deutsche Invasion gegen die Sowjetunion totgelaufen hatte, die Soldaten froren oder erfroren und sich das Blatt allmählich zu wenden begann. Als Hitler den windigen Pakt mit Stalin vergaß und von Polen aus Russland bei Nacht und Nebel überfiel, wagte ich halbwüchsiger die Prophezeiung, dass das Ende der Nazis sein werde. Meine Mutter war über die neue Landnahme sehr erschrocken und da Hitler bisher alles geglückt war, sah sie für ihn neue Triumphe voraus. Ich tröstete sie: „Mama, im Gegenteil. Das ist der Beginn vom Ende der Nazis. Das können sie nicht schaffen, jetzt wird es bald aus sein.“ Teilweiser Irrtum: es war wohl der Anfang vom Ende, doch es war noch lang nicht aus. Große Sorgen machten wir uns um Egon und Lizzy. Wir hörten nichts mehr von ihnen. Waren sie noch in Kielce? Saßen sie schon in einem Lager? Lebten sie überhaupt noch? Mit Lizzys Eltern, den Löbners, waren wir ständig in Verbindung, sie wohnten in der Praterstraße nur einige Häuser von Omama entfernt.
Aber auch in Wien war von nun an kein Jude mehr sicher. Nach den Unterlagen der Zentralstelle für jüdische Auswanderung wurden Postkarten an die Familien geschickt, mit der Anordnung, sich am so und so vielten mit einem Koffer und einem Handgepäck im Sammellager Castellezgasse 35 einzufinden. Die dort hineingingen, sah man – bis auf wenige Ausnahmen – niemals wieder. Das war zu Beginn des Jahres 1941. Wie man heute weiß, gingen damals 5031 Wiener Juden nach Opole und Kielce in Polen, im nächsten Sommer wurden sie in den Vernichtungslagern ermordet. Vom 30. September bis 15. Oktober gingen weitere fünf Transporte mit rund 5000 Menschen ab, von ihnen haben nur 16 (!) überlebt. Damals waren die Gaskammern noch nicht fertig, man vergiftete sie in den hermetisch abgeschlossenen Gaswagen. Am 23. November transportierten Eichmann, Brunner und Komplizen 995 Juden nach Riga, in Kowno wurden sie alle erschossen. Am 6. Februar wurden 700 nicht arbeitsfähige Juden aus Wien deportiert und im Gaswagen ermordet. Insgesamt gingen rund um dieses Datum fünf weitere Transporte mit 5183 Wienern nach Riga, von denen 102 überlebt haben. (Alle Angaben stammen aus dem Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands). Fast gleichzeitig mit dem Beginn der Transporte ließen sich die Nazis eine neue Gemeinheit einfallen, den sogenannten Judenstern an jedem Kleidungsstück, das man außerhalb der Wohnung trug. Ein fünfzackiger gelber Stern, schwarz gerahmt und darin die Schrift „Jude“ mit Buchstaben, die an die hebräische Schrift erinnern sollten. Und dazu als Draufgabe: der Zusatzname Israel für Männer und Sarah für Frauen. Jeder von uns musste auf dem Magistrat den Vermerk dieses Namens auf der Rückseite des Tauf- oder Geburtsscheins einstempeln lassen. Ob einem der Beamten der blödsinnige Widerspruch aufgefallen ist? Der amtliche Vermerk als Jude auf dem Taufschein? Auch auf die Wohnungstür musste der gelbe Stern geklebt werden. Was später die Aushebung jüdischer Familien für die SS-Verbrecher erleichterte. Natürlich mussten wir uns diese Abzeichen selbst bei der Kultusgemeinde besorgen und bezahlen. Mama war sehr geschickt. Statt den Stern auf Mantel und Jacke aufzunähen, nähte sie entsprechend den fünf Zacken fünf kleine Druckknöpfe auf die Kleidungsstücke, die entsprechenden Drucker auf die Sternzacken und so konnte man leicht den gelben Stern, wenn nötig, befestigen oder nach Belieben wieder abnehmen. Ich habe den Stern nur bei Besuchen auf einem Amt getragen. Nicht, weil ich so mutig war, sondern im Gegenteil. Ich fürchtete die antisemitische Aggression auf der Straße, mit der man jederzeit rechnen musste. Dazu ein Erlebnis: Auf der breiten und stark befahrenen Praterstraße wollte ein älterer Mann auf die andere Seite gehen und blieb zögernd am Gehsteig stehen. Ich sah ihn. Er trug die gelbe Binde eines Blinden, aber auch den gelben Stern. Wie ich es gewohnt war, trat ich zu dem blinden Juden hin und nahm ihn beim Arm, um ihn über die Fahrbahn zu führen. Auf der anderen Seite bedankte er sich. Einige Frauen, die das beobachtet hatten, fielen schimpfend über mich her. Ob ich denn nicht gesehen habe, dass der da Jude sei? Ja, das goldene Wienerherz! Weil ich so erzogen war, half ich älteren Leuten, wo ich konnte und in der Straßenbahn überließ ich jederzeit meinen Sitzplatz an Personen, die ihn dringender brauchten. Übrigens, mit dem Stern durfte ich sowieso nur auf der hinteren Plattform des letzten Wagens stehen. Eines Tages ging ich von unserem Haus in Mauer zur Straßenbahn, als ich vor mir eine betagte Frau mit einem Koffer sah, mit dem sie sich offensichtlich schwer tat. Ich bot mich an, ihr zu helfen, und sie überließ mir erfreut das Gepäckstück. Da begann sie, die gute Erziehung bei der Hitlerjugend zu loben und meinte, ein Beispiel dafür gehe neben ihr her. Ich überlegte schon, ihr zu sagen, dass mein Verhalten das Ergebnis der Erziehung meiner jüdischen Mutter sei, war dazu aber zu feig. Als wir zu einer schmalen Seitengasse kamen, ließ ich plötzlich den Koffer stehen und lief durch das Gasserl davon. Mir schien das Strafe genug. Ob diese Frau begriffen hatte, dass ich damit gegen ihre blöden Reden protestieren wollte, weiß ich freilich nicht.
Dann passierte es: Es war eine unscheinbare Postkarte, an mich adressiert. Darauf wurde ich aufgefordert, zu einem bestimmten Termin zwecks Umsiedlung in der Castellezschule zu erscheinen. Mit einem Koffer und einem Handgepäck. Die Schule in der Castellezgasse im 2. Bezirk war damals das Sammellager für die Transporte nach dem Osten. Die Aufforderung schlug wie eine Bombe ein. Noch niemand hatte gehört, dass man aus einer Familie ein Mitglied heraus holte. Noch dazu einen Jugendlichen! Am schwersten traf es sicher meine Mutter. Wir fuhren alle in die Praterstraße zu meiner Großmutter, um mit jüdischen Freunden die Situation zu erörtern. Konnte ich fliehen, mich als U-Boot verstecken? Auf wie lange? Der Krieg konnte noch Jahre dauern. Von Flucht war keine Rede. Wäre ich nur in Schweden geblieben! Aber solche Vorwürfe halfen jetzt auch nichts mehr. Ich musste ins Sammellager. Schwer war es, meine Mutter davon abzuhalten, mit mir zu kommen. Mir hätte sie nicht helfen können, sie hätte sich gefährdet und Papa wäre allein zurückgeblieben. Noch wussten wir nichts von Konzentrationslagern, Vergasung, Verbrennung. Aber mir war klar, dass ich dort in Polen nicht lang überleben konnte. Meine Prothese war ein Requisit auf Zeit und sobald sie unbrauchbar wurde, wäre ich nicht mehr fähig zu gehen, geschweige denn zu arbeiten. Damit wäre mein Leben verwirkt, den Mördern ausgeliefert. Das ahnte ich schon damals. Am nächsten Tag war ich gefasster. Wieder waren wir bei meiner Großmutter in der Praterstraße. Noch einen Tag hatte ich Frist bis zu meinem schweren Gang ins Sammellager. Daheim waren die Sachen vorbereitet, die ich mitnehmen sollte. Viel war es ja nicht, was in einen großen Koffer und in ein Handgepäck hinein ging. Vor allem dann nicht, wenn die Dauer der Reise so ungewiss war wie diesmal. Da plötzlich kam ein Bekannter, der bei der Kultusgemeinde arbeitete, aufgeregt in die Wohnung: „Der Transport ist abgeblasen!“ So etwas glaubt man zunächst nicht. Warum abgeblasen? War ich gerettet? Hatte ich bloß einen Aufschub? Jemand aus dem Bekanntenkreis meiner Großmutter erklärte sich bereit, zur Israelitischen Kultusgemeinde zu gehen, in die Seitenstettengasse. Mit gemischten Gefühlen blieben wir zurück, meine Mutter, meine Omama und ich. Gab es wirklich Hoffnung? Diese Stunde verging sehr langsam. Dann kam der Mann zurück und man sah ihm an, dass er eine gute Nachricht hatte: Die Gestapo hatte diesen – meinen – Transport abgesagt. Es stand eine Umstrukturierung bei der Organisation der künftigen Judentransporte bevor, irgendwie wollten die Nazis anders dabei vorgehen, als bisher, Glück gehabt. Glück? Oder gab es einen höheren Beschützer, ausgerechnet für mich? Eigentlich konnten wir es noch gar nicht fassen und warteten daheim die nächsten Tage ab. Immer in der Angst, man könnte mich doch noch holen kommen. Aber nichts geschah und wir beruhigten uns wieder. Noch einmal davon gekommen. Würde ich – wenn die Transporte wieder losgehen sollten – unter den ersten sein, die verschickt werden würden?
Kurt war ein echter Freund, er wandte sich nicht von mir ab, wir blieben in Kontakt und arbeiteten gemeinsam an dem verwegenen Plan, eine Operette zu schreiben. Ich den Text, er die Musik. Ich verfasste in diesen Monaten des Jahres 1942 zwei Bücher und Kurt setzte sich ans Klavier und komponierte. Wir trafen uns in einem Kaffeehaus, denn sein Vater, der illegale Nazi, durfte von der verbotenen Freundschaft seines Sohnes nichts wissen. Wir waren auch sonst ein ungleiches Paar, er groß, ich klein. Er Maturant, ich jüdischer Hilfsarbeiter. Eines Tages sah ich an der Auslage eines Altwarenhändlers eine mit blauem Samt gefütterte Schatulle, darin eine Injektionsspritze. Das brachte mich auf eine Idee. Ich bat Kurt, der ja auch Chemieunterricht hatte, ob er mir nicht eine Ampulle mit einem tödlichen Gift verschaffen könnte. Es würde mich beruhigen, mich selbst aus dem Staub machen zu können, ehe ich in die Hände der Gestapo fallen würde. Kurt versprach es. Kurt hielt seine Zusage, ich erstand die Spritze und die kleine Ampulle mit einer durchsichtigen Flüssigkeit lag nun neben der Spritze in dem Etui. Ein Vorgriff: als der Krieg aus war, ich überlebt hatte, brachte ich Kurt die Ampulle zurück. „Glaubst du, ich hätte dir wirklich ein Gift gegeben? In der Ampulle ist ein Koffeinpräparat, das dich höchstens munter und heiter gemacht hätte.“ Aber mir hat es zwei Jahre lang eine gewisse Beruhigung gebracht. Dann musste Kurt zum Reichsarbeitsdienst, einer Organisation, die junge Männer vor der Militärzeit in Uniformen steckte, sie in eigene Lager zusammenführte, wo sie zu kriegswichtigen Arbeiten eingesetzt wurden. Meist zum Straßenbau, zur Erntehilfe und ähnlichem. Der Drill war militärisch, statt des Gewehrs schulterten sie einen Spaten beim Appell und beim Marschieren. Kurt kam an Tagen, an denen er Ausgang erhielt, mit der Bahn nach Wien. Sein Lager lag im östlichen Niederdonau, dem einstigen Burgenland. Und als wir uns wieder trafen, hatte er eine Bitte an mich: „Wir haben eine Lagerkapelle, die ich leite und wir spielen vor allem jenen Jazz, der uns gerade noch erlaubt ist. Demnächst geben wir ein Konzert und wir brauchen dazu einen Conférencier. Das sollst du machen.“ Ich? In einem deutschen vormilitärischen Lager? Kurt drängte darauf. Er gab mir die Titel, die gespielt werden sollten und ich sollte mir Zwischentexte einfallen lassen, die ich dann in dem Konzert sprechen sollte. Es war aufregend. Noch wusste ich nicht, wie gefährlich es werden sollte. Ich sagte zu. Dann saß ich an dem bestimmten Tag im Zug, den ich nicht benutzen durfte. Ich durfte ja überhaupt nicht aus Wien hinaus. Und dann kam der große Schock. Den Gang entlang kamen zwei „Kettenhunde“. Das waren Männer der Feldgendarmerie, deren Aufgabe es vorwiegend war, Deserteure aufzugreifen. Den Namen hatten sie von einem metallenen Schild, das an einer Kette vor Ihrer Brust baumelte. Darauf stand ihre Einheit eingraviert. Es waren Männer, mit denen nicht zu spaßen war. Männer, die vielen jungen Männern das Leben gekostet haben. Sie standen also vor mir, der ja offensichtlich in einem Alter war, in dem man nicht mehr so frei herumlaufen durfte. Entweder Reichsarbeitsdienst oder Wehrmacht. „Ihren Ausweis, bitte!“ Was sie sehen wollten, war ein Wehrpass, vielleicht ein Dokument, das mich von der Wehrpflicht befreite. Ich aber hatte beides nicht. Ich hatte zumindest meinen alten Reisepass, längst abgelaufen, dafür aber ohne den diskriminierenden Aufdruck „J“. Ich zeigte den Pass her, was die beiden Berserker vor mir aber gar nicht zufrieden stellte. Wo mein Wehrpass sei? Den habe ich daheim vergessen. Wieso ich nicht beim Reichsarbeitsdienst oder bei der Wehrmacht sei? Innerlich zitterte ich, äußerlich gelang es mir, ruhig zu bleiben. Ich wusste, jetzt ging es um Leben oder Tod. Ich wies auf meine Beinverletzung hin, dies sei der Grund, warum ich nicht eingerückt sei. Ich schob das Hosenbein hoch und zeigte ihnen meine Prothese. Das überzeugte sie zwar für den Augenblick. Trotzdem schrieben sie sich die Daten aus dem Reisepass auf und erkundigten sich nach meiner Wohnadresse. In der Aufregung gab ich ihnen die richtige Auskunft. Dann gaben sie mir den Pass zurück und gingen weiter. Meine Stimmung war, als ich im Lager ankam, um das Konzert zu moderieren, nicht gerade rosig. Ich erzählte Kurt nichts von meinem unheimlichen Erlebnis. Auch daheim erwähnte ich es nicht. Mit der Angst, dass die Feldgendarmerie meine Angaben überprüfen und draufkommen würde, dass sie falsch waren, lebte ich noch tagelang. Dabei besaß ich damals jenes Dokument, das die „Kettenhunde“ hätten sehen wollen. Doch darauf war ich als Erich Israel Bruno Beyer benannt, es war ein blaues bedrucktes Blatt, das meine „Wehrunwürdigkeit“ bestätigte. Wehrunwürdig war man aber nur als Jude, als „Zigeuner“ oder als Schwerverbrecher. Wie kam ich dazu? Wie alle meines Jahrgangs wurde ich zur Musterung befohlen. Warum, war mir nicht klar. Denn als „Geltungsjude“ hatte ich bei der Wehrmacht – Gott sei Dank – nichts zu suchen. Aber so war es halt. Ich musste zur Musterung. Die Kommission saß in einer Hietzinger Villa und pünktlich zum gewünschten Zeitpunkt war ich dort. Mit meinem Stern auf der Brust. Etliche junge Männer warteten in einem kleinen Saal und starrten mich neugierig an, als ich eintrat. In einiger Entfernung von ihnen nahm auch ich Platz. Man würde mich ja sicher aufrufen. Vor der Tür zur Musterungskommission saß an einem kleinen Tisch ein junger Uniformierter. Er trug die Embleme der Waffen-SS, war somit als mein besonderer Feind ausgewiesen. Einer nach dem anderen der Wartenden wurde namentlich aufgefordert, das Zimmer der Kommission zu betreten. Ich wartete. Gegen Mittag war der letzte vor mir gegangen. Ich war allein mit dem SS-ler. Der überraschte mich, als er mich ansprach. Sein Ton war nicht unfreundlich, ich hörte sofort, dass er Deutscher sei, Deutscher aus dem „Altreich“, die neuen Deutschen aus Österreich waren aus der „Ostmark“. Was ich hier mache, wollte der SS-Mann wissen. Ich konnte ihm nur meine Vorladung zeigen. Dann erkundigte er sich, wie man als Jude lebe. Ob im Lager? Ich sprach von meiner persönlichen Situation und entdeckte bei dem jungen Menschen so etwas wie Anteilnahme. Da wurde ich aufgerufen und verabschiedete mich von dem Menschen in SS-Uniform. Uniformierte auch drinnen, hinter einem breiten Tisch. Ich musste meine Kleidung ablegen und dann nackt vor den Herren Offizieren und dem Arzt erscheinen. Einige Fragen, dann Gewicht, Größe, Sehvermögen notiert und ich durfte mich wieder anziehen. In die Hand bekam ich jenes vorhin beschriebene blaue Papier mit dem Vermerk „wehrunwürdig“. Kurt blieb mein Freund bis Kriegsende. Danach muss etwas Furchtbares passiert sein. Als ich nach dem Chaos des Kriegsendes nach ihm forschte, erfuhr ich, dass er indessen geheiratet hatte und meine Versuche, ihn zu erreichen, von seiner Frau abgewehrt wurden. Ich war verstört. Bis ich erfuhr, dass Kurt durch einen schweren Verkehrsunfall so behindert sei, dass er nicht mehr gehen kann, dass er nur noch im Rollstuhl sitzen könne. Und es sei sein Wille, in diesem erbarmungswürdigen Zustand niemanden zusammenzutreffen. Mehr habe ich von meinem Freund nie mehr erfahren. Von meinen anderen Freunden in unserer Siedlung in Mauer sah und hörte ich nichts mehr. Zwei von ihnen sind im Krieg gefallen, ein Dritter wurde Architekt – und wie der Zufall so spielt – er plante jenes Wohnhaus, in dem ich nun schon seit 27 Jahren lebe. Vor dem Krieg war ich mit allen gut befreundet und auch ihre Eltern konnten mich gut leiden. Der Vater des späteren Architekten, ein Polizist, war illegaler Nazi, einmal fand ich in seiner Werkstatt vor dem „Anschluss“ eine Hakenkreuzfahne. Es gab aber auch andere Nachbarn und andere Polizisten. Zum Beispiel der Herr Gerber. Er war ein guter Freund meiner Eltern und kein Freund der neuen Machthaber. Als mein Vater zwangspensioniert war, ging er einmal zur Wachstube, in der Gerber Dienst hatte. Ich erinnere mich an die Erzählung meines Vaters: „Ich geh’ hinein und frage, ob der Kollege Gerber da ist. Und bekomme zur Antwort: Die Kollegen sind alle in Dachau. Hier gibt es nur Kameraden!“ Und natürlich waren zu allen festlichen Anlässen der Nazis alle Häuser und Hütten der Kleingartensiedlung mit Hakenkreuzfahnen verunziert. Die Beflaggung wurde damals mit einem Eiter vorgenommen, den es später in der Republik, wo es rot-weiß-rote Fahnen zu hissen galt, nie mehr gab.
Ja, und dann, eines Tages war alles anders. Mit der Post kam eine Karte von der „Zentralstelle für jüdische Auswanderung“. Sie befahl meinen Vater für den nächsten Tag in die Sammelstelle Kleine Sperlgasse, in jene Schule, die offenbar die Sammelstelle in der Castellezgasse abgelöst hatte. Vom Gepäck stand diesmal nichts in der Vorladung, wir glaubten daher, mein Vater sollte nur zu einer Befragung zur Gestapo. Mein Vater fuhr hin, es wurde Abend und er kam nicht nach Hause. Da tat Mama etwas sehr Vernünftiges: Sie telegrafierte Robert nach Berlin, dass Papa nach einer Vorladung nicht zurückgekehrt sei. Ob er sich nicht erkundigen könne? Die Zeit verging, wir hatten Angst. Berechtigt. Denn am nächsten Nachmittag hielt ein offener Lastwagen vor unserem Garten und drei SS-Männer sprangen herab. Sie machten nicht viel Umstände: Wir sollten packen, auch einen Koffer für Papa und mitkommen. Seltsam, jetzt wo es so weit war, waren wir gar nicht so aufgeregt, wie man vermuten könnte. Mamas Sorge galt vor allem auch unserer Berry, unserem kleinen schwarzen Hund. Zum Glück hatte sie vorgesorgt, denn dieses Ereignis war ja nicht auszuschließen gewesen. Auf der anderen Seite des Napoleonwaldes wohnte eine Familie, mit der sich Mama immer gut verstanden hatte und die alles andere als Freunde des neuen Regimes war. Mit ihnen hatte Mama sich abgesprochen, wenn etwas mit uns passieren sollte, würden sie unseren Hund übernehmen. Die SS-Leute erlaubten Mama, Berry wegzubringen, Fluchtgefahr bestand keineswegs. In dieser Situation gelang es niemandem zu entkommen. Ich hatte die schwerere Aufgabe, die Mama nicht erledigen konnte. Ich musste unseren Kanarienvogel beseitigen. So ein Haustier konnte man nicht einfach freilassen, es wäre sicher zugrunde gegangen. Ich holte den Vogel aus seinem Käfig, ging mit ihm hinter das Haus und erdrosselte ihn. Es war das erste Mal, dass ich ein Tier, das einer höheren Ordnung als Insekten angehörte, umbrachte. Schließlich waren überstürzt die Koffer und das Handgepäck gepackt, und mit ihm mussten wir auf den Laderaum des Lastautos klettern. Ob uns die Nachbarn dabei beobachtet haben – ich weiß es nicht mehr. In direkter Fahrt ging es in die Kleine Sperlgasse in die Leopoldstadt. Nach unserer Registrierung schickte man uns in ein ehemaliges Klassenzimmer, dessen Boden mit Matratzen bedeckt war. Dutzende Leidensgefährten saßen oder lagen hier, unter ihnen entdeckten wir meinen Vater. Die Begrüßung war wenig fröhlich. Aber wir waren wieder beisammen. Drei Matratzen standen für uns zur Verfügung. Das Gepäck – die großen Koffer, nicht aber der handlichere kleine – war uns abgenommen worden, mit Kreide hatte man unsere Namen darauf geschrieben. Drei Tage blieben wir dort. Zu essen gab es so etwas wie Kürbis oder Krautsuppe und Brot. Am Abend des ersten Tages – innerhalb der Schule durften wir uns frei bewegen – trafen wir am Gang meine Tante Hella mit ihrer Tochter Gerti. Ihr Familienname begann wie unserer mit B. Die Nazis waren diesmal nach dem Alphabet vorgegangen. Tante Hella war eine der Schwestern meiner Mutter, ihr Mann hatte das Glück gehabt, im Februar des Jahres 1938, also vor der Besetzung Österreichs, an einer Fischgräte zu sterben. Gerti war genau ein Jahr jünger als ich, am 13. April 1926 geboren. Sie war ein sehr hübsches Mädchen. Wir alle wussten nicht, was uns die Zukunft bringen würde. Sicher war nur, dass in diesem Lager die Transporte für Polen zusammengestellt wurden. In dunklen Ecken überraschte man Pärchen, junge Burschen und Mädchen, die alle Scham abgelegt hatten. Im Angesicht des Verderbens liebten sie sich mit dem Heißhunger der Verzweiflung, mit der Angst, es vielleicht zum letzten Mal zu erleben. Am nächsten Tag wurde eine Gruppe von Burschen zusammengestellt, die zum Aspangbahnhof fahren und dort die Waggons für den nächsten Transport reinigen sollten. Ich war dabei froh, aus dem Gefängnis für einige Stunden hinauszukommen. Es waren alte Personenwaggons mit Sitzen. Immerhin. Wir wussten nicht, dass diese Fahrzeuge nur bis an die Grenzen des Deutschen Reiches eingesetzt wurden. Später wurden die Juden in Viehwaggons umgeladen, um in den Tod befördert zu werden. Unter ihnen waren Tante Hella und Gerti. Der dritte Tag brachte den Abtransport. Ein Mann kam in den Klassenraum und rief auch unsere Namen auf. Mit unseren kleinen Koffern eilten wir in das Erdgeschoß, wie uns befohlen wurde. Wir und viele andere. Dort war eine Art Schalter aufgebaut, ein schmaler Durchlass davor und hinter dem Schalter ein Gestapomann. Wie wir später erfuhren, war es Brunner II, einer der schlimmsten Judenverfolger Wiens. Wer hier durch ging, war auf dem Weg zur Hölle. Das ahnten wir, das wussten wir damals zum Glück noch nicht. Was immer kommen würde, wir würden es – so hofften nicht nur wir – überstehen und eines nicht so fernen Tages würde die Verbrecherbande besiegt und beseitigt werden. Jedenfalls dachten wir damals so und ohne diese Hoffnung wäre ein Weiterleben nur schwer denkbar gewesen. Es gab für einige die Chance, aus dem Lager wieder in die Freiheit zu kommen. Das waren Juden, die mit einem „arischen“ Partner verheiratet waren und die irrtümlich abgeholt und ins Lager gebracht worden waren. Das erlösende Wort – so erfuhren wir in den zwei Tagen, die wir schon hier waren – hieß: „Mit Handgepäck in den Warteraum.“ Jetzt waren wir an der Reihe. Papa trat als Erster an den „Schalter“ und wurde von Brunner II fixiert. Der Mann über Leben und Tod hielt ein Schreiben in der Hand und fragte dann überraschend: „Woher kennen Sie den Obersturmführer Eichmann?“ Wen bitte? dachte Papa, wagte aber keine Gegenfrage. Er tat das Beste, was er tun konnte. Er schwieg, Offenbar hatte auch das Gestaposchwein keine Antwort erwartet. Er legte das Schreiben zur Seite. Sah uns noch einmal unfreundlich an und sprach dann die Worte, mit denen wir nicht gerechnet hatten: „Mit Handgepäck in den Warteraum!“ Unbegreiflich. Wir waren gerettet! Waren wir gerettet? Man schickte uns – die wir unser Glück noch gar nicht fassen konnten – in den Keller der Schule. Auch dort wieder Matratzen am Boden, aber wir waren allein. Noch eine Nacht auf den Matratzen, am nächsten Morgen wurde Papa herausgerufen und musste einem Ordner – es war ein Mitarbeiter der Israelitischen Kultusgemeinde – in ein Büro folgen. Dort wurde ihm klargemacht, dass sich unser künftiges Leben keineswegs so abspielen werde wie bisher. Wir müssen unser Haus in Mauer räumen und man werde uns ein Zimmer in einer „Judenwohnung“ in der Leopoldstadt zuweisen. Ich müsse mich sofort beim Arbeitsamt für Juden in der Hermanngasse melden. Dann durften wir mit Koffer und Handgepäck das Lager verlassen. Frei – und doch Gefangene einer staatlichen Verbrecherorganisation. Wir fuhren nicht gleich nach Mauer zurück. Wir mussten doch meiner Großmutter in der Praterstraße die gute Nachricht überbringen! So schleppten wir unsere Koffer durch die Rotensterngasse bis zum Wohnhaus meiner Omama. Sie weinte und war kaum zu beruhigen. Nachbarn kamen und beglückwünschten uns, sie alle wussten, dass sie es nicht so gut haben würden, wenn erst einmal sie von der SS aus ihren Wohnungen geholt werden würden, was ja von da an fast täglich geschah. Später verließen wir meine Großmutter und wagten uns ohne den Stern auf die Straße. Wir fuhren nach Mauer. Was aber war geschehen? Welchem Umstand verdankten wir unsere Rettung vor dem Abtransport nach Osten? Wir erfuhren es erst viel später, beim nächsten Besuch meines Halbbruders Robert, ehe er wieder an die Ostfront musste. An dem Tag, als Papa aufgefordert worden war, in das Lager Kleine Sperlgasse zu kommen, hatte meine Mutter sofort an Robert in Berlin telegrafiert und die Lage kurz geschildert. Robert hatte nicht lange überlegt. Sein Dienst als Mitglied der Wachmannschaft, die Hermann Göring, Reichsmarschall und Chef der Luftwaffe, in dessen Villa zu beschützen hatte, brachte Robert mit vielen ganz hohen Bonzen der Partei in Verbindung. So auch mit Adolf Eichmann. Woher Robert wusste, welche Rolle dieser oberste Judenverfolger spielte, weiß ich nicht. Vielleicht wurde er auch direkt an ihn verwiesen. Jedenfalls gelang es ihm, mit Eichmann zu reden und ihm vom Schicksal seines Vaters zu berichten, eine Handlung, die auch aus heutiger Sicht unglaublich viel Zivilcourage erforderte. Mitten in der Höhle des Löwen musste er bekennen – heute würden wir sagen, sich outen – dass er einen halbjüdischen Vater und eine jüdische Stiefmutter habe. Schlimm, sehr schlimm. Doch sein Mut brachte den gewünschten Erfolg: Eichmann gab nach Wien die Weisung, Roberts anrüchige Familie zu verschonen. „Woher kennen Sie den Obersturmführer Eichmann?“, war Gestapo-Schergen Brunners Frage, die wir damals nicht beantworten konnten.
Jetzt ging alles Schlag auf Schlag. Wir mussten unser kleines Haus in Mauer räumen. Mein Hund Berry kam wieder zu uns. Die Kultusgemeinde hatte den Auftrag, uns in ein Quartier in der Leopoldstadt einzuweisen. Es war das Haus Zirkusgasse 27, im 2. Stock. Uns wurde in dieser Wohnung ein großes Zimmer zugeteilt. Es war aber ein Durchgangszimmer. Unsere Möbel, die wir aus Mauer hierher transportieren ließen, wurden so aufgestellt, dass die Kästen eine Wand zwischen dem erforderlichen Durchgang und unserem nun sehr eingeschränkten Lebensraum bildeten. Hinter dieser Wand standen die Ehebetten und ein Klappbett für mich, das tagsüber zusammengeklappt war, um Platz zu sparen. Heute weiß ich nicht mehr genau, wie wir dort gelebt haben. Komfortabel war es nicht. Aber wir hatten wenigstens überlebt! Die Nazi-Bürokratie hatte uns nun einmal im Visier und so folgte rasch die nächste Maßnahme. Das Arbeitsamt für Juden in der Hermanngasse lud mich vor. Der Beamte war neutral. Weder unfreundlich noch verbindlich. Ich hatte meinen Krückstock bei mir, den ich mir vorsorglich für derartige Ungelegenheiten besorgt hatte. Ich saß ihm mit dem Judenstern gegenüber, hatte zu machen, was von mir gewünscht würde, eine „Beratung“ war nicht erforderlich. Er schrieb mir Name und Adresse eines Anstreichermeisters auf einen Zettel und reichte ihn mir über den Schreibtisch hinweg: „Dort melden Sie sich morgen. Der Mann braucht jemanden, der sein Malerwagerl zieht.“ „Das werde ich kaum schaffen, mit meiner Beinprothese“, gab ich zu bedenken. „Sie haben eine Prothese? Zeigen Sie mal her.“ Ich tat, wie mir geheißen. Der Mann war kein Unmensch und schaute noch einmal in seinen Papieren nach. Wieder schrieb er etwas auf einen Zettel, gab ihn mir mit den Worten: „Da müssen’s mit der Badner Bahn nach Vösendorf fahren.“ Auch nicht gerade mein Traumjob, mag ich gedacht haben, nahm aber die Adresse wortlos an mich, grüßte und ging. Am nächsten Morgen fuhr ich nach Vösendorf. Die Chemiefabrik, in die ich vermittelt werden sollte, lag nicht gerade bei der Station, und ich musste etwa 20 Minuten gehen, bis ich dort ankam. Ich wurde in ein Büro verwiesen, ein älterer Mann nahm meinen Zettel vom Arbeitsamt entgegen. Ich setzte mich sofort und unaufgefordert. Erstaunt über dieses Benehmen blickte der Angestellte zu mir, doch ehe er etwas sagen konnte, rechtfertigte ich mich wie gehabt: „Entschuldigen Sie, aber ich habe eine Beinprothese und der weite Weg von der Bahn hierher – ich musste mich einfach setzen. Ich hoffe, das ist keine stehende Beschäftigung?“ „Sie kommen für uns nicht in Frage. Das hätt’ der beim Arbeitsamt wissen müssen.“ Schrieb einen Vermerk auf den Zettel, gab ihn mir und entließ mich verärgert. Dritter Versuch in der Hermanngasse beim Arbeitsamt für Juden. Mit dem Beamten hatte ich es mir offensichtlich verscherzt, jetzt gab es keine Rücksicht mehr auf meine Prothese. „Sie melden sich am Montag beim Forstamt in Klausen-Leopoldsdorf, nehmen’s aber Toilettensachen und Wäsch’ mit, Sie bleiben eine Woche dort.“ Denkste! Wie kommt man nach Klausen-Leopoldsdorf? Ganz einfach – heute, A2 und Wienerwald-Autobahn, Abfahrt Alland und dann bis ans Ziel. Aber damals? Sehr zeitlich musste ich aufstehen, das Kofferl war am Vorabend von Mama vorsorglich gepackt worden. Das gleiche Gepäckstück, mit dem ich fast ins KZ gefahren wäre. Da war Klausen-Leopoldsdorf ungleich besser. Mit der Straßenbahn ging es zur Badener Bahn, von Baden mit dem Autobus weiter nach Klausen-Leopoldsdorf. Eine zweistündige Reise. Am Ziel angekommen, durfte ich nicht vergessen, mir den gelben Stern mit der schwarzen Aufschrift „Jude“ anzustecken. Dann marschierte ich mit meinem Kofferl durch den Ort, erkundigte mich nach dem Forstamt und erreichte es an einer aufsteigenden Straße, die nordwärts aus dem Ort hinausführte. Ich war nicht allein. Rund zwölf andere Männer, Sternträger wie ich, waren hier versammelt und warteten auf die Dinge, die da kommen sollten. Sie kamen in Gestalt eines drahtigen sportlichen Mannes mittleren Alters, der sich grußlos vor uns hinstellte und uns musterte. Was er sah, mag ihn wenig erfreut haben. Die Mehrzahl von uns war sicher älter als fünfzig, und wie Kraftkerle sahen wir alle nicht aus. Wir erfuhren, dass das Forstamt uns angefordert hatte, um Holz von gefällten Bäumen wegzuräumen. Schlafzellen gab es für uns am Dachboden des Forsthauses. Jeder von uns trug seinen Koffer hinauf. Oben war das Matratzenlager dicht gedrängt. Einige Wandhaken zum Aufhängen der Kleidung, und dann war da noch eine große Tonne. Wie wir erkannten, ein übergroßer „Nachttopf“ mit zwei Griffen. Der musste am Morgen hinuntergetragen und entleert werden. Ich war der Jüngste, also fiel diese unappetitliche Aufgabe mir zu. Und der Eimer war ganz schön voll geworden! Wir bekamen ein Frühstück und mussten dann hinaus zu einem Lastwagen. Ein Forstarbeiter erklärte uns, dass wir damit in den Wald fahren werden, um Holz abzutransportieren. Ich sah der Sache sehr skeptisch entgegen. Das bedeutete offenbar Schwerarbeit! Und so war es auch. Da lagen Baumstämme neben einem Forstweg, die von uns aufgehoben und auf das Auto gehoben werden mussten. Ohne jede technische Hilfe. Ich machte eine Stunde lang mit, dann setzte ich mich ins Gras. Damit war der Forstarbeiter nicht einverstanden, er schrie mich an, weiterzumachen. Ich erklärte ihm, wegen meiner Invalidität nicht mehr weiterzukönnen. Was gar nicht gelogen war. Der Mann ließ sich meine Beinprothese zeigen, sah ein, dass mit mir nicht viel zu machen sei und ließ mich sitzen. Als es zu Mittag mit der Fracht zurück nach Klausen-Leopoldsdorf ging, berichtete er dem Forstmeister von meiner Weigerung. Und wieder hatte ich Glück. Eine zweite Nacht brauchte ich nicht mehr am Dachboden des Forsthauses zu verbringen, man schickte mich nach Wien zurück. Wohl war mir nicht, als ich am Tag darauf wieder in der Hermanngasse erschien und dem Beamten im jüdischen Arbeitsamt abermals mitteilte, dass ich nicht imstande war, die mir zugemutete Arbeit auszuführen. Jetzt zeigte er sich von der humanen Seite. „Ich schick’ Sie in eine Lederwarenfabrik in den achten Bezirk, dort werden Sie keine Schwierigkeiten mit Ihrem Bein haben.“ Na also, warum nicht gleich? So kam ich in die Firma Schmid in die Tigergasse. Und dort veränderte sich viel für mich, es waren nachhaltige Eindrücke, die bis über das Kriegsende hinaus auf mich einwirken sollten.
Hier möchte ich die Chronologie unterbrechen und versuchen, mich an unseren Alltag zu erinnern. Mein Vater, zwangspensioniert, mit einer kleinen Rente, wurde nicht mehr zur Arbeit gezwungen. Auch sein Nebengeschäft bei der Firma Amazone – der Ariseur der großen Strumpffirma Bernhard Schön – war vorbei. So blieb ihm nichts anderes übrig, als mit meinem Hund Berry spazieren zu gehen, was lang nicht so schön war hier im zweiten Bezirk als in Mauer. Meine Mutter hatte in dem kleinen Haushalt genug zu tun. Es gab keinerlei Hilfen. Die Wäsche musste mit der Hand in der Waschküche gereinigt werden, Seife und Waschmittel waren ebenso rar wie Lebensmittel. Es gab eine schlechte Seife, die Rif-Seife genannt wurde. „Scherzhaft“ erklärte man das Wort Rif als Abkürzung für „Rein jüdisches Fett“. Das lässt darauf schließen, dass man trotz aller gegensätzlichen Beteuerungen damals schon gewusst hatte, was mit den verschleppten Juden geschah: Ihre Knochen würden zu Seife verarbeitet werden! Die größte Sorge meiner Mama galt aber der täglichen Verpflegung. Auf unsere mit „J“ gekennzeichneten Lebensmittelkarten bekam man nur das Notwendigste. Fleisch und Wurst waren um diese Zeit für uns überhaupt gestrichen. Magermilch gab es noch, später sparten sie das bei uns auch ein. Brot konnten wir noch kaufen, Hülsenfrüchte, etwas Fett und Haferflocken. Aus ihnen konnte Mama eine fettlose Torte mithilfe von Marmelade herstellen. An besonderen Feiertagen. Zum Glück half Tante Martha manchmal mit einigen Wurstmarken aus. Die Tante – eine von Mamas Schwestern – war, wie schon berichtet, mit einem „Arier“ verheiratet, ihr Mann war Ingenieur, hatte aber seine Stellung im Wiener Stadtbauamt wegen seiner jüdischen Frau verloren. Einige Jahre arbeitete er in Wiener Neustadt, wo er für die Flugzeugwerke Gebäude errichtete. Eines davon stürzte einmal ein, er wurde aber glücklicherweise nicht zur Verantwortung gezogen. Später traute ich ihm einen Sabotageakt zu, denn er betätigte sich auch im Widerstand. Etwa zwei Jahre vor Kriegsende weihte er mich in seine Tätigkeit ein und machte mich zu einem Mitarbeiter seiner Gruppe, die den Decknamen „Bel Ami“ führte. Die beiden hatten einen Sohn, Kurti, der um fast vier Jahre jünger war als ich. An sein Kinderzimmer erinnere ich mich noch sehr gut. Vor der Nazizeit war ich oft dort und spielte mit ihm mit seiner elektrischen Eisenbahn, die wir uns nicht leisten konnten. Damals war noch ein Dritter im Bunde, Kurtis gleichaltriger Freund Otti. Otti war das einzige Kind des jüdischen Rechtsanwaltes Schenk, seine Mutter war eine italienische Adelige. Sie waren mit Tante Marta und Onkel Fritz befreundet. Wenn ich später den berühmten Otto Schenk traf, erkundigte er sich noch nach Jahren nach „Tante“ Martha, so nannte er sie. Zu unserem Glück wurde die Situation der Nazis in dieser Zeit noch ernster. Im Februar 1943 war die Schlacht um Stalingrad mit einer vernichtenden Niederlage der Deutschen zu Ende. Und nur die ganz verbissenen Nazis und die ganz Blöden konnten noch an einen Sieg dieses verbrecherischen Regimes glauben. Aber es gab deren noch sehr viele. Und für uns hatte das noch keine Bedeutung. Denn die Transporte in die Vernichtungslager wurden davon keineswegs betroffen. Es schien, als gäbe es für SS und Gestapo zurzeit nichts Wichtigeres, als Juden auszurotten. Je schwieriger die Lage der Nazis wurde, desto hasserfüllter waren ihre Propagandareden und Zeitungskommentare. Natürlich war das Weltjudentum gemeinsam mit dem Bolschewismus schuld am Heldentod deutscher Männer, die bei der Verteidigung ihrer Heimat ihr Leben lassen mussten. Dass sie ihre Heimat tausende Kilometer weit entfernt verteidigen, fiel den verblendeten Ostmärkern nicht auf. Die Juden waren schuld, das ging hinein. Und da es immer noch Juden in Wien gab, hatte man die Pflicht, sie zu schikanieren, zu beschimpfen und womöglich zu verprügeln. Vor allem aber auch bei der Gestapo zu verleugnen.
In dieser Situation suchte ich Trost und Ablenkung nach zwei verschiedenen Richtungen. Ich kaufte mir um wenig Geld die broschierten Reclams-Klassiker und las die Dramen von Schiller, Goethe, Lessing und Shakespeare. Ich war davon fasziniert und legte mir ein Schreibheft an, in das ich die Zitate aus den Werken, die mir besonders gefielen, übertrug. Das war der eine Weg, die albtraumhafte Gegenwart für einige Stunden zu vergessen. Der andere führte in die Stephanskirche. Wenn man irgendwo vor den Nazihäschern sicher war, dann war es im Halbdunkel einer Kirche. Hier wagten nicht einmal die Feldgendarmen, die „Kettenhunde“, den Frieden und die Andacht zu stören. Als ich bei einem Besuch der Stephanskirche wunderbare Orgelmusik hörte, war ich so beeindruckt, dass ich beschloss, öfter hierher zu gehen. Weit war ja der Weg von der Zirkusgasse, wo wir wohnten, bis in die Innenstadt nicht. Ich fühlte, wie mir der Aufenthalt in der Stille des Gotteshauses in der Seele wohltat. Ich begann zu beten, betete in der Hoffnung, Gott möge uns diese fürchterliche Zeit überleben lassen. Betete aber auch um ein fürchterliches Ende für all jene, die dieses Unheil über uns und über die ganze Welt gebracht haben. Mein Hass auf die Verfolger und Mörder wurde durch meine plötzliche Hinwendung zu Gott nicht besänftigt. Nicht bis heute! Zum Stichwort Hass möchte ich kurz vorgreifen. Als Monate vor Kriegsende die Bomben auch bei uns fielen und wir in den Luftschutzkellern Schutz suchten, da freute ich mich über jede Bombe, die einschlug, die jene Menschen traf, denen ich die Mitschuld an dem unsagbaren Leid gab, das über die Juden und über uns hereingebrochen war. Wieder ein Einschlag! Wieder ein zerstörtes Haus! Die eigene Gefahr spielte da keine Rolle, ich hatte nicht viel Hoffnung zu überleben. Also auch keine Angst um mein Leben. Aber der Hass kann einem Kraft geben. Um diese Zeit hatte ich auch keine Freunde – Kurt ausgenommen. Den sah ich kaum noch, ich suchte auch seine Gesellschaft nicht mehr. Als die Mörder auch meine liebe Omama ohne jede Vorwarnung aus ihrer Wohnung im Haus Praterstraße 50 abholten, war ich völlig fertig. Sie zerrten sie auf ein Lastauto und brachten sie in das Lager Kleine Sperlgasse. Von dort kam sie mit einem Transport nach Theresienstadt und zwei Wochen später war sie tot. Wir kennen kein Grab. Meinem Hass gab das neue Nahrung, und ich sage heute noch: wenn die Nazis nichts anderes getan hätten, als meine geliebte Großmutter umzubringen, ich müsste sie hassen.
Etwa ein Jahr vor Kriegsende gab es für mich eine erfreuliche Wendung. Es war überhaupt eine hoffnungsvolle Zeit: Italien war aus dem Bund mit Hitler ausgeschieden, die Alliierten waren in der Normandie gelandet und ein – leider missglücktes – Attentat auf Hitler hatte gezeigt, dass keineswegs die gesamte Wehrmacht hinter ihrem Oberbefehlshaber stand. Und in dieser Zeit wurde ich vom Arbeitsamt zur Firma Schmid in die Tigergasse, im achten Bezirk, vermittelt. Es war eine Lederwarenfabrik, die jetzt, mangels Leder, ihre Produkte aus einem eigenartigen, dünnen Kunststoff herstellte. An dieser Fabrik war alles eigenartig. Sie erzeugte Geldbörseln, Brieftaschen und Buchhüllen, während die gesamte Wirtschaft auf kriegswichtige Produkte ausgerichtet war. Als eines Tages der Besuch einer Kontrolle angesagt war, erfuhren wir den Hintergrund: aus einem Lager wurden gewichtige Hüllen für Geschütze hervorgeholt und uns auf unsere Werkstische gelegt. Wir hatten so zu tun, als würden wir daran arbeiten. Das also war der wahre Auftrag an die Firma Schmid! Wie es dem Unternehmer gelungen war, die einträglichere Ware herzustellen und die Behörde zu täuschen, weiß ich natürlich nicht. Die andere Merkwürdigkeit des Unternehmens war die Beschäftigung von rund hundert Juden. Es wird wohl kaum einen anderen Betrieb in Wien gegeben haben, in dem so viele Verfolgte gemeinsam an so unwichtigen Dingen arbeiten konnten. Noch dazu eine Arbeit, die weder schikanös noch schwer war. Für mich war es die beste Zeit seit meinem Hinauswurf aus dem Realgymnasium. Und das lag nun schon eine Ewigkeit zurück. Wenn man das Haus in der Tigergasse betrat, musste man an einem Portier vorbei. Ein älterer, grantiger Mann, dessen unfreundliche Art darauf schließen ließ, dass er sie jedem gegenüber zeigen würde, nicht nur gegenüber uns, die wir ja als Untermenschen galten. Er war vielleicht kein Antisemit, er war ein Misanthrop. Ich glaube aber, wir hatten von ihm nichts ernstlich zu befürchten. Dass er aber in uns Menschen sah, die seiner Willkür ausgeliefert waren, das ließ er uns schon fühlen. In den beiden unteren Stockwerken waren die Werkstätten der „Arier“. Was die dort herstellten, habe ich nie erfahren. Der Umgang mit ihnen war uns ja sowieso verboten. Im obersten Stock arbeiteten die Juden. Viele von ihnen waren durch ihre Ehe mit einem „arischen“ Partner vor der Verschickung nach Polen geschützt. Jene, die es nicht waren, wurden nach und nach telefonisch nach Hause gerufen. Das war gerade zu jener Zeit, da ich in die Firma kam. Neben dem „arischen“ Werkmeister, der seinen Eckplatz neben einem Fenster an der Schmalseite der Werkstatt hatte, hing ein Telefon an der Wand. Wenn es läutete, unterbrachen alle ihre Arbeit und warteten beklommen und ängstlich auf die Worte des Werkmeisters. „Herr Alasraki, Sie sollen sofort nach Haus kommen!“ Niemand fragte mehr, warum. Wir wussten, die Nazischergen waren in seiner Wohnung, hatten seine Familie bereits fest im Griff und nun musste auch er heim, um gemeinsam mit seinen Angehörigen den schweren Weg ins Sammellager anzutreten. „Ausheben“, sagte man dazu und obwohl wir alle damals noch nicht wussten, dass es der direkte Weg in die Gaskammer bedeutete, war es schon schlimm genug, zu wissen, man müsse nun Wien verlassen und in eine ungewisse Zukunft reisen. Eine Reise mit leichtem Gepäck und schwerem Herzen, die ihren Ausgang vom Aspangbahnhof nahm. Ein rascher Abschied von dem Kollegen, den es heute betroffen hat, „Maseltoff“ und andere Wünsche begleiteten ihn zur Tür der Werkstatt hinaus. Und niemand von uns sollte ihn je wieder sehen. Der große, lang gestreckte Saal war sehr hell. Als ich ihn zum ersten Mal betrat, war ich überrascht, so viele Menschen anzutreffen. Sie saßen oder standen beiderseits von sechs langen Tischen, die parallel zueinander den Raum füllten. Dann sah ich, dass hinter mir, in einem kleineren Teil der Werkstatt, einige Frauen an Nähmaschinen arbeiteten. Frauen und Mädchen, wie ich später feststellen konnte. Mir war aufgetragen worden, mich beim Werkmeister zu melden. Er war weder freundlich noch unfreundlich, nahm mich zur Kenntnis und führte mich zum dritten der sechs Werktische, dem „W 3“. „Man wird Ihnen schon sagen, was Sie zu tun haben“, war seine Einführung in meinen neuen Arbeitsbereich. Was sich hier abspielte, war im dritten Kriegsjahr kurios. Rund 100 Frauen und Männer jeden Alters stellten aus einem Werkstoff, der Leder imitierte, Gegenstände her, die nicht einmal im Entferntesten mit der Kriegswirtschaft oder mit den Bedürfnissen an der Front zu tun hatten. Aus zugeschnittenen braunen Teilen dieses dünnen Materials wurden Brieftaschen, Geldbörsen und – Buchhüllen gemacht. Die Teile hatten einen farbigen Aufdruck, sodass man wusste, wo vorn und hinten war. Ich machte mich mit meinen neuen Kollegen bekannt. Sie nahmen mich freundlich auf. Es war ein bunt zusammengewürfelter Kreis von sieben Erwachsenen, ich war der Achte – aber noch nicht ganz erwachsen. Bunt ihre Herkunft: da war die Ärztin, Mutter eines Mädchens, das nach dem Krieg zu den Spitzen österreichischer Autorinnen zählen sollte. Da war der Dozent der Volkshochschule, der einstige Inhaber eines Zuckerlgeschäftes, ein bekannter Librettist von Wienerliedern und ein ehemaliger Jockey. Der Zuckerlhändler Stein war der Einzige, der stehend arbeitete. Er hatte einen Kessel mit Leim vor sich auf einer Feuerstelle, die mit Gas gespeist wurde. Den zähen und heißen Leim pinselte er auf die Ränder der Imitationen, die von den anderen am Tisch übernommen und mit den entsprechenden Teilen der Geldbörsen oder Brieftaschen zusammengeklebt wurden. Jeder hatte einen dicken rechteckigen Stein vor sich, wie man ihn im Steindruck verwendete, und auf dieser Unterlage wurde mit einem beinernen Pfriem gearbeitet. Man unterwies mich und ich hatte es rasch erfasst: Die geleimten Ränder mussten mit dem Pfriem aufgebogen und dann um den anzuklebenden Teil fest gedrückt werden. Mit dem Pfriem fuhr man dann über diese Verbindung, um sie haltbar zu machen. Dass der Leim dabei nicht nur auf dem Werkstoff, sondern auch auf den Fingern klebte, war klar. Vor dem Werksaal gab es aber einen Waschraum mit mehreren Becken, wo man sich immer wieder reinigen konnte, um das Produkt nicht zu beschmutzen. Nachdem ich gründlich über meine Herkunft ausgefragt worden war, wurde es ruhiger um mich und ich konnte mich in dem Saal umsehen. An allen anderen Werkstischen das gleiche Bild. Die fertig geklebten Erzeugnisse kamen in Schachteln und diese wiederum zu den Frauen, die zu nähen hatten, was an den Tischen geklebt worden war. Sie saßen unweit des Werkmeisters, zumeist aber in einem Raum ein Stockwerk tiefer. In der Mittagspause holte jeder sein Reindl mit dem mitgebrachten Essen hervor, man konnte es auch aufwärmen. Gegessen wurde am Werkstisch. Während der eigentlich geistlosen Tätigkeit wurde viel gesprochen. Den Werkmeister störte das nicht. Politisiert wurde nicht. Dazu waren wir zu vorsichtig, wir wussten ja auch nicht, wie der Werkmeister reagieren würde – reagieren müsste. Umso eifriger wurden gesellschaftliche und wissenschaftliche Themen diskutiert, zu denen nur der Jockey schwieg, weil sie offenbar über seinen Pferdeverstand hinaus gingen. Geschwiegen habe auch ich, ich war aber ein aufmerksamer Zuhörer und behaupte heute, dass ich in jener Zeit am W 3 mehr an Allgemeinbildung gewonnen habe, als in meiner Schulzeit. Überhaupt denke ich an die Zeit in der Firma Schmid als an die besten Monate während der Verfolgung durch die Nazis zurück. Allmählich lernte ich auch die Mitarbeiter von den anderen Werkstischen kennen. Sie waren alle angelernt, es gab keinen einzigen Taschner oder Lederarbeiter unter ihnen. Ganz hinten, am Sechser-Tisch saß der aus Operetten bekannte Komiker Max Brod, sehr lustig war er aber hier nicht. Eine beleibte Krankenschwester war da, ein Hosenhändler, ein fröhlicher Mensch, der aber fast nichts hörte und zwei Brüder, beide Schneider, gebürtige Türken.
Und da waren auch einige Mädchen meines Alters, für die ich mich natürlich interessierte. Mädchenbekanntschaften hatte ich bisher noch nicht machen können, das lag an den Umständen. Jetzt freundete ich mich gleich mit zweien an. Da war die etwas jüngere Renée, eher still, aber mit einem erfreulich hübschen Busen. Und die lebhaftere, etwas ältere Irene, der ich den Zugang zur klassischen Musik verdanke. Mit Renée bin ich öfters am Abend spazieren gegangen, sie wohnte mit ihrer Mutter und ihrer Schwester in der nahen Großen Mohrengasse. Da war immer auch mein Hund Berry dabei. Es hat mich eigentümlich berührt, als sie nach Jahren, als wir einander wieder begegnet sind, von meinem Hund gesprochen hat. Sie war nämlich der einzige Mensch, der außer mir Berry noch gekannt hatte. Mit Irene besuchte ich Konzerte, das war nicht ungefährlich, aber es brachte Ablenkung. Ich erinnere mich an einen Abend mit den Wiener Philharmonikern, an dem Wolfgang Schneiderhahn das Violinkonzert von Beethoven spielte. Von dem Tag an war ich von dieser Art Musik begeistert. Bisher kannte ich Operettenmelodien und die Vorkriegsschlager, die meine Mutter häufig daheim gesungen hatte. Irene und ich wurden eifrige Hörer der Sonntag-Nachmittagskonzerte im Wiener Konzerthaus. Alles ging gut, wir wurden niemals kontrolliert. Wieso diese beiden Mädchen überlebt haben? Renées Mutter war „Arierin“, ihr jüdischer Vater hatte rechtzeitig auswandern können. Da sie selbst aber mosaisch war, blieb ihr die übliche Diskriminierung nicht erspart. Immerhin aber der Abtransport. Auch Irene war ein „Mischling“, die Mutter „Arierin“, der Vater Jude. Sie und ihr Bruder durften ebenfalls am Leben bleiben. Ich schwärmte für die um zwei Jahre ältere, aber um fünf Jahre reifere Irene, was diese gern geschehen ließ. Wir gingen auch im Stadtpark spazieren, unterhielten uns und scherzten. Wenn ich heute zurückdenke, so habe ich Mühe, mich an heitere Situationen zu erinnern. Es gab nicht viel zu lachen. Aber wir waren zu jung, um immer nur an die Trostlosigkeit dieser Zeit zu denken und an all die vielen Menschen, die nicht mehr bei uns waren. Freude empfanden wir über die schlimme Lage, in der die deutschen Truppen im Osten geraten waren. Wir konnten sicher sein, dass Hitler den Krieg niemals gewinnen könne, aber ebenso waren wir unsicher, ob wir sein Ende erleben würden. Unsere Zusammenkünfte gaben sowohl Irene als auch mir Kraft in dieser schrecklichen Zeit. Mama freute sich darüber, dass ich eine Freundin gefunden hatte und auch Irenes Eltern, die ich bald kennenlernte, waren mit unserer Freundschaft einverstanden. Da es uns – Burschen wie Mädchen – unmöglich war, Bekanntschaften außerhalb des beschränkten Umkreises von „Mischlingen“ oder „Geltungsjuden“, die noch hier lebten, zu machen, bildeten wir einen kleinen Kreis, der umso enger zusammenhielt. Zu ihm gehörte auch Ilse Aichinger, die Tochter der Ärztin, die an meinem Werkstisch arbeitete. Ich habe sie schon erwähnt. Ilse war die Freundin von Irene und so wurden auch wir bekannt. Keiner konnte damals ahnen, dass aus ihr einmal eine berühmte Schriftstellerin werden würde. Nach dem Krieg habe ich sie nie mehr gesehen. Als mein Sohn Wolfi sie einmal als Kulturredakteur des Fernsehens sprach und sie fragte, ob sie sich an mich erinnern könnte, hat sie verneint. Irene hat nach dem Krieg einen namhaften Rundfunkreporter der Ravag, des damaligen Wiener Senders, kennengelernt, der später nach Hamburg verpflichtet wurde; dort hat sie sich nach kurzer Ehe von ihm scheiden lassen und lebte in den späteren Jahren mit einer Freundin zusammen. Seit einigen Jahren treffen wir uns sporadisch, wenn die beiden Wien besuchen. Renée habe ich viele Jahre nach dem Krieg nicht gesehen. Erst in den neunziger Jahren kamen wir wieder zusammen, die Initiative dazu hatte sie ergriffen. Sie war mit einem Neurologen verheiratet und hatte drei erwachsene Söhne. Nach wie vor waren Mama und ich häufig bei Tante Martha zu Besuch, nach der Deportation meiner Omama war ihre Schwester die einzige Verwandte, die Mama noch hatte. Von ihrem Sohn Egon hörte sie nichts mehr, sollte ihn auch nie mehr wiedersehen. Und Papa tat das Beste aus seiner zwangsweisen Pension, er wanderte mit Berry durch den Wienerwald. Robert, Mamas Stiefsohn und mein Halbbruder, kam im Winter 43/44 von der Ostfront auf Heimaturlaub, er hatte inzwischen geheiratet, seine ehemalige Freundin Maria hatte ihn während seines Lazarettaufenthaltes nach der Verwundung aufgesucht und – wie Mama zu sagen pflegte: „eingefangen“. Mama hat Maria nie ausstehen können. Als Robert bei mir das Koffergrammophon sah, das mir Egon hinterlassen hatte, als er mit seiner Frau nach Polen musste, bat er mich, es ihm an die Front mitzugeben. „Wir sind im Einsatz gegen Partisanen, in Wäldern und Sümpfen, und es ist trostlos. Mit dem Grammophon und deinen Platten hätten wir doch eine Abwechslung.“ Ich gab ihm den Apparat und die Schallplatten. Da das Gerät keinen Strom benötigte, sondern mit einer Kurbel und einem Federwerk funktionierte, wurde sein Einsatz im Partisanenkampf gewiss ein Erfolg. Zumindest kurzfristig. Als Robert und seine Einheit den Rückzug antreten mussten, blieb das Grammophon irgendwo im polnischen Wald zurück. Ob es den Partisanen zur Unterhaltung gedient hat? Wichtig war, dass mein Halbbruder Rückzug und Niederlage überlebt hat und ohne weitere Verletzung heimkehren konnte.
Als ich eines Abends von der Arbeit heimkehrte – ich fuhr mit der Straßenbahn bis zum Nestroyplatz und ging von dort in die Zirkusgasse, wo wir im Haus Nr. 27, im zweiten Stock hausten – stieß ich auf eine Absperrung der Polizei. Niemand durfte in die Zirkusgasse. Von den Umstehenden erfuhr ich, dass es dort eine Schießerei gegeben habe, alles sei voll von Polizisten und SS-Leuten. Es dauerte aber nicht lange, da war die Absperrung aufgehoben. In der Zirkusgasse standen noch Polizeiautos, ein Rettungswagen und ein Feuerwehrauto. Eine Schlauchlinie führte durch ein Kellerfenster in ein Wohnhaus, zwei Häuser von meinem entfernt. Beunruhigt eilte ich heim und fand meine Mutter in heller Aufregung. Sie hatte einiges erlebt und das aus nächster Nähe. Aus ihrer Erzählung und aus Berichten benachbarter Geschäftsleute erfuhr ich die Kriminalgeschichte: Schon am Vormittag hatte sie in einer Straßenbahn der Linie A in der Praterstraße begonnen. Zufällig hatte ein mitfahrender Polizist einen gesuchten Einbrecher erkannt, der auf der Plattform stand. Als er auf ihn zuging, sprang der Kriminelle ab (die Türen der Plattformen waren damals noch offen) und rannte in die Rotensterngasse. Der Polizist hinterher. Ausgerechnet in das Haus Zirkusgasse 27 flüchtete sich der Verfolgte. Im ersten Stock drang er in eine Wohnung ein, in der eine alleinstehende Frau lebte. Der Polizeibeamte holte von einem Telefon aus Verstärkung, das sogenannte Überfallskommando traf ein. Auf der Suche nach dem Täter kamen die Beamten auch in unsere Wohnung, meine Mutter hatte aber nichts gesehen noch gehört. Als sie an der richtigen Tür läuteten, stieg der Einbrecher durch ein Fenster auf das benachbarte Flachdach und sprang dann in den Hof des Nebenhauses. Dort wurde er gestellt und schoss sich seinen weiteren Fluchtweg frei. Dabei tötete er einen Polizeioffizier. Er entkam in den Keller eines weiteren Hauses. Inzwischen war es Mittag geworden. Zur Verstärkung rückte ein Trupp Waffen-SS an. Der Einbrecher hatte sich im Keller verschanzt und schoss daraus hervor. Man wollte offenbar kein weiteres Risiko eingehen, rief die Feuerwehr und legte dann in dem Keller einen Brand. Das hatte Erfolg. Der Mann ergab sich, das Feuer wurde gelöscht und die Aktion war zu Ende. Ich habe mich gewundert, dass der Täter es verabsäumt hatte, die letzte Kugel für sich zu verwenden. Denn es stand ihm sicher nichts Gutes bevor. Typisch für das System war es, dass am nächsten Tag in den Zeitungen kein Wort davon zu lesen war. Verbrechen gab es im Dritten Reich nicht. Alles wurde unter den Tisch gekehrt. Wenn es einmal eine Veröffentlichung gab, dann betraf sie Schleichhändler und andere „Volksschädlinge“, deren harte Bestrafung zur Warnung kundgetan wurde. Und das geschah sehr plakativ: Der oder die Verurteilte wurde mit Namen und Foto, seinem Verbrechen und seiner Strafe – fast immer Tod durch den Strang – auf den Plakatflächen verlautbart. Ich erinnere mich an die Kundmachung über die Hinrichtung einer Briefträgerin, die Postpakete gestohlen hatte! Nicht anders erging es dem Gangster aus der Zirkusgasse, der den Tod eines Polizeioffiziers verschuldet hatte. Dieses Ereignis war noch lang Gesprächsthema in unserem Haus und der ganzen Umgebung. Als Mama und ich wieder einmal bei Tante Martha in der Unteren Viaduktgasse zu Besuch waren, nahm mich Onkel Fritz in sein „Herrenzimmer“ – ein mit Büchern angeräumtes Kabinett – mit, um mit mir allein sprechen zu können. Onkel Fritz war der Typus des Intellektuellen, schlank, scharf geschnittenes Gesicht, ruhig, überlegt. Wir setzten uns und mein Onkel begann zu sprechen, man merkte, dass es ihm nicht leicht fiel. „Du bist alt genug, um zu verstehen, dass das, was ich dir jetzt sagen werde, absolut unter uns bleiben muss. Ich gehe ein großes Risiko ein, dass ich dich in diese Sache einweihe.“ Ich versprach Stillschweigen. Onkel Fritz eröffnete mir, dass er mit einer Gruppe von Leuten zusammen arbeite, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, gegen die Nazis zu arbeiten. Mit Flugblättern, die Informationen über die wahre Situation der Wehrmacht an den Fronten und über innere Schwierigkeiten des Regimes verbreiten. Dann fragte er mich, ob ich bereit sei, dabei mitzuhelfen. Er führte mir auch das Risiko vor Augen. Das war damals für mich kein Problem. Meines Lebens war ich ohnedies nicht sicher und die Aussicht, etwas gegen Hitler unternehmen zu können, elektrisierte mich. Ich sagte zu. Zu verdanken hatte ich – wie sich herausstellte – diese Chance meinem Fahrrad. Das Rad, das ich den Anordnungen der Nazis entsprechend längst hätte abgeben müssen, mit dem ich aber nach wie vor fleißig unterwegs war. In der Weihburggasse lebte eine ältere Frau – ihren Namen habe ich längst vergessen, das Haus weiß ich noch – die eifrig die deutschsprachigen Nachrichten der BBC abhörte und sich Notizen machte. Ihre Zetteln sollte ich in Abständen abholen und in die Weintraubengasse im zweiten Bezirk bringen, wo ich sie in einem Kellerlokal einem Mann mit ausländischem Akzent übergeben musste. Mehr wusste ich zunächst nicht. Erst war der Mann misstrauisch, dann aber wurde er immer freundlicher und wir unterhielten uns jedes Mal bei der Zettelübergabe über den Inhalt der BBC-Nachrichten. Sie machten mich optimistisch, dass der ganze Spuk nicht mehr allzu lang dauern würde. Meist fuhr ich direkt von der Firma Schmid, wo ich mein Rad abstellen konnte, in die Weihburggasse. Meinen Eltern täuschte ich das Treffen mit Irene vor, die durften unter keinen Umständen erfahren, dass ich mich in eine derartige Gefahr begab. Von Onkel Fritz erfuhr ich, dass die von mir überbrachten „Feindmeldungen“ zum Inhalt von Flugzetteln verarbeitet wurden. In dem Kellerlokal verfassten einige Männer die Texte und vervielfältigten sie auf einer Maschine, für die man eigene Matrizen benötigte. Da ich mehr machen wollte, als bloß den Boten abgeben, schlug ich vor, an den Texten mitzuarbeiten. Aber ich konnte damals ja noch nicht auf der Schreibmaschine schreiben. Mein Onkel stellte mir seine Reiseschreibmaschine zur Verfügung und immer, wenn ich zu ihm in die Wohnung kam, befasste ich mich mit ihr und brachte mir selbst das „Zweifinger-System“ bei. So drang ich in das Innere der kleinen Widerstandsgruppe vor, erfuhr, dass ihr Chef ein illegaler Kommunist mit dem Decknamen „Bel Ami“ war, den ich aber nie kennenlernte. Übrigens, auch nach dem Krieg nicht, denn er soll sich an Plünderungen beteiligt haben und von den Russen verhaftet worden sein. Meine „journalistische“ Tätigkeit hatte also schon vor Kriegsende in diesem Keller begonnen. Was dann mit den Flugzetteln geschah, wusste ich nicht. Niemand sollte mehr wissen, als für seine Arbeit unbedingt erforderlich war. Meinen Onkel sah ich in der Weintraubengasse nie, sein Anteil an unserer Arbeit blieb mir verborgen. Ich dachte sogar fälschlich, er sei jener „Bel Ami“. Aufklären konnte ich das nie, denn als der Krieg vorbei war und man offen darüber hätte sprechen können, ereignete sich in der Familie eine furchtbare Tragödie: sein Sohn Kurt, mein Cousin, kam in den letzten Kriegsstunden durch ein Geschoß aus einem sowjetischen Tiefflieger ums Leben. Übrigens: als ich am Tag nach der Befreiung im April 1945 das Kellerlokal in der Weintraubengasse aufsuchen wollte, wo ich meine BBC-Meldungen abgeliefert hatte, war es verwüstet, einige tote Männer lagen darin. Ich erfuhr, dass es Ausländer waren, verschleppte Zwangsarbeiter aus dem Osten. SS-Männer hatten sie kurz vor Kriegsende dort überfallen und erschossen. Ob sie mit der Gruppe „Bel Ami“ in Verbindung gestanden waren, habe ich nie erfahren. In der Firma war die Lage an der Front das Hauptgespräch. Die Vorsicht vor dem meist stummen Werkmeister hatte deutlich nachgelassen. Nur wenn wir über Hitler sprachen, verwendeten wir das Synonym „jener“ und sprachen es jiddisch aus: „jenner“. Ich, der ich vier Jahre in der Schule Französisch gelernt hatte, machte daraus „Janvier“, was so viel wie Jänner heißt. Das wurde allgemein angenommen. Und dann, im August 1943, gab es zum ersten Mal Fliegeralarm. Die amerikanischen Verbände flogen zunächst nur bis Wiener Neustadt und warfen dort wegen der Flugzeugwerke ihre Bomben ab. Aber von dort bis Wien waren es nur ein paar Minuten, deshalb mussten wir immer in den Luftschutzkeller. Das Haus in der Tigergasse war da nicht besonders stabil gebaut und deshalb eilte ich beim Vor-Alarm in die Lerchenfelderstraße, wo es höhere und solidere Häuser gab. Da ich keinen Stern trug, konnte ich dort ungehindert in einem der Luftschutzkeller unterkommen, die für jeden offen standen. Mein Arbeitskollege an meinem Werkstisch W 3, der ehemalige Dozent der Volkshochschule Hans S., wurde bei jedem Alarm totenbleich. Er hatte furchtbare Angst. Diese Angst trieb ihn zu einer ungewöhnlichen Flucht: Eines Tages in diesem Herbst kam seine Gattin in den Betrieb und teilte uns mit, dass ihr Mann offensichtlich Selbstmord verübt habe. Man habe seinen Mantel und eine Tasche mit seinen Dokumenten am Ufer der Donau gefunden. Er dürfte sich ertränkt haben. Wir waren natürlich erschüttert. Ich greife jetzt vor: Dieser Selbstmord war vorgetäuscht. Er wollte verhindern, von den Nazis verschleppt zu werden. Eine übertriebene Angst, denn da seine Frau „Arierin“ war, wäre er nicht ausgehoben und nach dem Osten transportiert worden. Das Schicksal hatte anderes mit ihm vor. Er blieb in der gemeinsamen Wohnung verborgen und ich kann mir vorstellen, was er mitgemacht haben muss, als die Bomben später auf Wien fielen und er nicht in den Luftschutzkeller gehen durfte. In dieser Wohnung lebte aber auch seine Tochter, und die hatte einen Freund, der wusste, dass Hans S. hier versteckt war. Als es zwischen ihm und seiner Freundin zur Trennung kam, ging er zur Polizei und zeigte Hans S. an. Daraufhin wurde dieser wegen des vorgetäuschten Selbstmordes verhaftet. Wie mir Hans S. nach dem Krieg erzählte, brachte man ihn in das Gefängnis in der Hardtmuthgasse in Favoriten. Ehe er umgebracht oder verschickt werden konnte, war der Krieg zu Ende. So hat er doch noch überlebt. Der Winter kam, im Osten begann die Schlacht um Stalingrad, einer wichtigen Industriestadt an der Wolga, wo Zehntausende Soldaten der deutschen Armee ihr Leben lassen mussten, weil ihr Führer die Kapitulation verboten hatte und seine Generäle nicht den Mut hatten, dem Selbstmord ihrer Divisionen Einhalt zu gebieten.
Und dann, eines Tages in diesem Herbst 1943, kamen sie doch bis Wien. Zuerst war alles wie schon seit einigen Wochen: Der „Kuckuck“ im Reichssender Wien unterbrach das Programm. Diesen Ruf wird wohl niemand vergessen, der ihn einst hören musste. Öfter und immer öfter. So zwischen neun und zehn Uhr am Vormittag. Dann kam bald darauf die bekannte Frauenstimme: „Achtung, Achtung! Ein feindlicher Kampfverband über Kärnten/Steiermark im Anflug auf Wien.“ In der nahen Lerchenfelderstraße fuhr um diese Zeit ein Konvoi von luxuriösen Limousinen stadtauswärts. Da wusste man auch ohne Vorwarnung: Es wurde ernst. Denn in diesen Autos saßen der Gauleiter Baldur von Schirach und sein braun uniformiertes Gefolge auf dem Weg in die bombensicheren Bunker am Wilhelminenberg. Dann heulten die Sirenen den Vor-Alarm, jetzt sollte man in den Keller. Nach dem folgenden Alarm blieb dafür nicht mehr viel Zeit. Beim ersten Mal sah man noch viele Leute auf die Straße gehen, um den näher kommenden Motorenlärm der vielen Flugzeuge zu hören und mit Gänsehaut auf dem Rücken zum wolkenlosen Himmel hinaufzuschauen. Das verging ihnen aber, als die Detonationen der Bomben lauter und lauter wurden und davon zeugten, dass der Krieg jetzt in diesen Tagen auch Wien erreicht hatte. Irgendwo am Stadtrand brannten Industrieanlagen, der Nordbahnhof war getroffen, Wohnhäuser lagen in Schutt und Asche. Unter ihren Trümmern die ersten Toten eines Infernos, das bis Kriegsende andauern sollte. Anfang November betraf es dann auch unser Wohnhaus in der Zirkusgasse. An diesem Tag warfen die Amerikaner viele Brandbomben ab. Das waren sechseckige, etwa 40 cm lange Stäbe, die beim Aufprall erst das Dach durchschlugen und dann eine derartige Hitze entwickelten, dass sie ihre Umgebung in Brand setzten. Die Luftschutzämter hatten die Bevölkerung darauf vorbereitet. So mussten auf jedem Dachboden sogenannte Feuerpatschen und Kübeln mit Sand bereitstehen. Die Feuerpatschen waren Fetzen an einer Stange, die in Wasser getaucht und über die Brandbombe gebreitet wurden. Dann hatte man diese Bombe mit einer Schaufel aufzuheben und in den Kübel zu werfen, wo der Sand eine Entzündung verhinderte. An diesem Tag, ich glaube, es war der 5. November, war ich zu Hause und natürlich in unserem Keller. Mit den anderen Bewohnern und meinen Eltern zusammen. Unser Hund musste in der Wohnung bleiben, Haustiere durften nicht in den Luftschutzkeller mitgenommen werden. Bomben fielen, das Haus erzitterte, später sollten wir uns daran gewöhnen. Jetzt, bei den ersten Luftangriffen, war das noch besonders erschreckend. Aber da war noch ein seltsames, pfeifendes Geräusch und ein Bersten über uns. Und plötzlich kam von oben, vom Kellereingang, ein Warnruf: „Brandbomben!“ Einige jüngere Mitbewohner und ich sprangen auf, um zum Dachboden zu gelangen. Mama versuchte noch, mich zurückzuhalten. Freilich, ungefährlich war es nicht, während eines Luftangriffes die Stiegen hoch zu hetzen, um unters Dach zu kommen. Aber wie sich zeigte, war es das einzig Richtige. Denn oben erkannten wir sofort die wahre Gefahr. Einige Brandbomben hatten die Dachziegeln durchschlagen und lagen auf dem Boden, sie verbreiteten bereits eine gefährliche Hitze. Wir griffen zu den Feuerpatschen, schlugen mit den nassen Fetzen auf die unheimlichen Gegenstände, die wie Stücke von Rohren aussahen, ein und warfen sie dann in die Sandkübeln. So konnten wir unser Haus vor einer Brandkatastrophe bewahren. Und auch dieser Angriff ging mit der Entwarnung vorbei. Immer öfter mussten wir in den Keller. Die zerstörerische Kraft der amerikanischen 300- oder 500-Kilo-Bomben war enorm. Sie explodierten in oder über den Gebäuden und rissen tiefe Löcher bis in die Keller. Dort aber waren die Menschen. Es gab so schwere Angriffe, bei denen Welle um Welle aus dem Süden oder aus dem Osten, über den Plattensee kommend, in den Luftraum über Wien eindrangen, dass am nächsten Tag die Liste der Toten, die in den Zeitungen abgedruckt wurden, 700 und mehr Namen umfassten. Sie alle waren in den Luftschutzkellern umgekommen. Wenn es möglich war, suchten meine Eltern und ich gemeinsam den Schutzraum auf. Doch nicht unbedingt in unserem Wohnhaus, das uns nicht sicher genug erschien. An arbeitsfreien Tagen gingen wir, mit Decken und heißem Tee in der Thermosflasche am frühen Morgen über die Aspernbrücke in die Innere Stadt. Hier sind ja Häuser und Palais bekanntlich unterhöhlt von den Katakomben. Zwei bis drei Stockwerke tief fanden sich Hunderte bei Fliegeralarm hier ein, in der Hoffnung, zu überleben. Dass es aber auch in dieser Tiefe keine Lebensgarantie gab, wurde an zahlreichen Beispielen bewiesen. Aus heutiger Sicht sollte man meinen, dass diese Tortur der fast täglichen Angst die Stimmung unter den Wienern umschlagen lassen müsste. Und diese Angst war real. Durch zehn, zwanzig Minuten krachten die Bomben, bebten die Wände der Häuser und stürzten krachend zusammen. Oft genug wurden die Eingänge zu den Schutzräumen verschüttet und die Eingeschlossenen mussten bange warten, ehe sie von Hilfsmannschaften frei gegraben werden konnten. Doch die Stimmung schlug nicht um. Ich hörte den Gesprächen der verängstigten Menschen zu. Ihr Hass galt keineswegs den Naziverbrechern, die den Krieg angezettelt und das Volk in diese furchtbare Situation gebracht hatte. Ihr Hass richtete sich gegen die Amerikaner, die da über ihren Köpfen flogen und die tödliche Last auf die Stadt abluden. In ihrer Lage kein Wunder. Tat doch die allgegenwärtige Propaganda ein Übriges dazu. So wurde die „Heimatfront“, wie die Nazis das nannten, eher gestärkt als geschwächt.
Ja, hatten all diese Menschen schon vergessen, was vor zwei, drei Jahren geschehen war? Die Bilder, die von der Deutschen Wochenschau gezeigt wurden, Bilder von schweren Bombenangriffen, die Warschau verwüsteten, eine friedliche Stadt, die völlig unvorbereitet dem Bombenhagel ausgesetzt war. Oder die stolzen Meldungen über die Luftangriffe der deutschen Luftwaffe auf die britische Stadt Coventry, die zum Teil in Schutt und Asche gelegt wurde, samt ihrer berühmten Kathedrale. „Coventrysieren“ hatte die deutsche Propaganda dieses Ereignis kaltschnäuzig genannt… und im Refrain eines deutschen Fliegerliedes hieß es: „…Bomben, Bomben – Bomben auf Engeland.“ Alles schon vergessen? Ich nahm mir vor, das in Erinnerung zu rufen, und mein nächstes Flugblatt handelte davon. Wer es zu lesen bekommen würde, war mir allerdings unbekannt. Ein schreckliches Ereignis im Winter 43/44 werde ich nie vergessen. Mama eilte manchmal bei Vor-Alarm von zu Hause in die Seitenstettengasse, in das Haus der Israelitischen Kultusgemeinde. Auch unter diesem Gebäude in der Altstadt verliefen die tiefen Katakomben. Dort fühlte sie sich sicherer als in dem vierstöckigen Wohnhaus in der Zirkusgasse, das ja nur einen einfachen Keller besaß. Ich war wie immer in der Lederwarenfabrik ohne Leder und als der Fliegeralarm kam, lief ich hinaus und suchte Schutz in einem der vertrauenswürdig aussehenden Gebäude der Lerchenfelderstraße. Nach der Entwarnung ging ich zurück, in Richtung Innere Stadt sah ich dunkle Brandwolken aufsteigen. Dort musste es eingeschlagen haben. Ich war kaum eine halbe Stunde im Betrieb, da verbreitete sich die Nachricht, dass das Haus der Kultusgemeinde schwer getroffen worden war. Mama? Ich erschrak fürchterlich. Nichts hielt mich zurück. Ich meldete mich beim Werkmeister ab, der Verständnis zeigte. Dann holte ich mein Rad und fuhr los. Schon von Weitem sah ich die Zerstörungen, die der Angriff diesmal am Franz-Josephs-Kai angerichtet hatte. Als ich hinter der Ruprechtskirche in die Seitenstettengasse einbog, bot sich mir ein furchtbares Bild: das Gebäude, in dessen Kellern ich meine Mutter befürchtete, war zusammengestürzt, Ziegeln, Balken und Schutt lagen über der Straße. Menschen bemühten sich, einen Zugang zu den Katakomben zu graben. Durch eine dicke Schlauchleitung wurde Luft nach innen gepumpt. Das alles hatte ich schon wiederholt gesehen. Diesmal aber war es für mich doch anders. Eben brachte man wieder eine leblose Frau aus den Trümmern, am Rand des Schuttberges lag eine andere ohne Kopf. Ich war so schockiert, dass ich einfach davonstürmte. Bestieg mein Rad und fuhr in den zweiten Bezirk nach Hause. Wer beschreibt mein Glück, als ich Mama wohlbehalten dort antraf? Gerade an diesem Tag war sie daheim geblieben und in unseren Luftschutzkeller gegangen. So hatte sie zwar die nahen Einschläge angstvoll mitbekommen, war aber verschont geblieben. Damals gab es mehr als zwanzig Tote in der Seitenstettengasse.
Während ich mich an dieses Ereignis bestens erinnere, fehlen mir heute nach mehr als 60 Jahren – detaillierte Erinnerungen an unseren Alltag. Wie war es meiner Mutter möglich, uns drei zu verköstigen? Wo nahmen wir das Futter für unseren Hund her? Ich weiß es nicht mehr. Der Winter wurde kalt, Heizmaterial gab es fast nicht und durch einen der Luftangriffe waren einige Scheiben zerschlagen. Glas war nicht mehr aufzutreiben: für uns nicht, aber auch nicht für die „Arier“. Ich war tagsüber nicht zu Hause, das war ein Vorteil. Aber meine Eltern hatten kaum die Möglichkeit, etwas zu unternehmen. So ging Mama oft zu ihrer Schwester Martha und Papa, der immer gut zu Fuß war, wanderte mit Berry in den Prater oder fuhr mit der Straßenbahn in den Wienerwald. Aber satt wurde er davon auch nicht. Am Abend traf ich mich oft mit Renée, die in der Nähe wohnte. Mit ihr und Berry spazierte ich durch die Leopoldstadt. Oder ich radelte in die Weihburggasse zu meiner Informantin, die mir wieder einige Aufzeichnungen mit Meldungen aus dem englischen Sender für das Kellerlokal in der Weintraubengasse mitgab. Zum Glück war ich mir der großen Gefahr, in die ich mich dabei begab, nicht bewusst. Wenn nur einer aus der kleinen Widerstandsgruppe verhaftet worden wäre, wären wir alle dran gewesen. Ich für meinen Teil hätte nicht dafür garantieren können, den Foltern der Gestapo widerstehen zu können. Aber ich hatte ja meine Injektionsspritze mit dem vermeintlich tödlichen Gift, und das war auch eine Beruhigung. Wenig wurde daheim über all die lieben Menschen gesprochen, die verschleppt worden waren und von denen wir nie mehr etwas hören sollten. Außer von Egons Frau Lizzy, die war die Einzige, die nach dem Krieg aus dem KZ heimkehren sollte. Mama bangte um ihren Sohn Egon und um ihre Mutter. Aber es war kein Gesprächsstoff. Ich hatte eine Karte von Osteuropa an die Kastenwand geheftet und steckte Nadeln mit farbigen Köpfen in Städte, die von den Russen eingenommen wurden. BBC meldete diese Erfolge viel früher, als sie Tage später teilweise von den Deutschen in ihren Wehrmachtsberichten zugegeben wurden. Man sah deutlich, es ging voran – und das hielt uns aufrecht. In der Firma Schmid hatten die Verschickungen Lücken hinterlassen. Wer als Jude keinen „arischen“ Schutz hatte, war verloren. Die Mordmaschine der Nazis arbeitete präzis und die meisten Wiener hatten Sympathie für sie. Oder zumindest sehr viele. So fuhr ich einmal im O-Wagen durch die Taborstraße, als draußen ein offenes Lastauto vorbeifuhr, dessen Last aus Männern und Frauen bestand, die alle den gelben Stern auf ihren Mänteln trugen. Meine Mitreisenden in der Straßenbahn ergingen sich in hämischen Bemerkungen: „Da fahren’s jetzt nach Polen. Dort müssen’s wenigstens was arbeiten, des Gsindel!“ So und ähnlich lauteten die Kommentare. Ich will nicht leugnen, dass es auch Menschen unter ihnen gab. Solche, die diese armen Schweine bedauerten. Aber sie hüteten sich, das zu äußern. Es gab auch das: dass ein Jude, am Stern erkennbar, auf der hinteren Plattform der Straßenbahn fuhr – nur dort durfte er mitfahren – und ihm ein anderer Fahrgast heimlich Geld zusteckte. Wie hatte mein ehemaliger Meister meiner Schneiderlehrstelle gesagt, als ich ihn einmal traf und völlig niedergeschlagen war: „Du siehst nur die, die ihren Arm ausstrecken und Heil Hitler sagen, die, die ihre Faust in der Tasche ballen, siehst du nicht.“ Der gute Meister Hunka war einer von ihnen. Im Winter hatten die Bombenangriffe etwas nachgelassen, als Wetter und Sicht wieder besser wurden, kamen die Amerikaner wieder regelmäßiger. Zum Glück nur die Amerikaner und nicht auch die Engländer. Die bombardierten nämlich hauptsächlich in den Nächten. Und ihre Ziele lagen im „Altreich“. So nannten die Deutschen das Deutschland, das vor den Eroberungszügen Hitlers bestanden hatte. Für andere Länder hatten sie andere Namen. Aus Österreich wurde die Ostmark, aus Tschechien das Protektorat und aus Polen das Generalgouvernement. Warum weiß ich nicht. Wie gesagt, die Amerikaner griffen bei Tag an. Meist am Vormittag. Und als es Frühjahr wurde, wichen meine Eltern und ich an Sonntagen den Bombardements aus, wir fuhren zeitlich früh mit der Straßenbahn nach Rodaun und wanderten dann auf den Parapluiberg, um an einem freundlichen Platz unter Schwarzföhren die Ereignisse abzuwarten. Dass wir dabei alle unseren Stern nicht trugen, braucht nicht betont zu werden. So ersparten wir uns Anfeindungen, liefen allerdings Gefahr, bei einer Kontrolle festgenommen zu werden. Es war uns ja alles verboten. Auch dass ich mir kürzlich einen Detektor gekauft hatte, durfte niemand wissen. Was ein Detektor war? Ein sehr geschicktes Gerät. Ein kleines Kästchen mit einem Kristall, das in der Lage war, zwei Reichssender zu empfangen. Dazu benötigte man Kopfhörer, denn einen Lautsprecher gab es nicht. Dafür bedurfte es keines Stromanschlusses. Ein paar Meter Draht genügten als Antenne. Diesen kleinen, handlichen Apparat nahm ich in den Wald mit und so konnte ich die Luftlagemeldungen hören und den Anflug der Bomberverbände verfolgen. Von unserem Liegeplatz am Hang des Parapluiberges aus hörten wir dann die Sirenen und sahen später die Explosionen der Bomben über der Stadt und vor allem im südlichen Industrieviertel. Gefährlich hätte es für uns nur werden können, wenn ein von der deutschen Abwehr getroffenes Flugzeug seine Bomben im Notabwurf hätte loswerden müssen. Dann hätte auch einmal eine in den Wald fallen können. Die wärmere Jahreszeit war auch dazu geeignet, aufs Land zu fahren und zu versuchen, bei Bauern ein paar Lebensmittel zu ergattern. „Hamstern“ nannte man diese mühsame und manchmal auch entwürdigende Beschäftigung. Denn es gab Landwirte, die einem fühlen ließen, wie sehr sie jetzt dem Städter überlegen und diese auf ihn angewiesen seien. Ohne Tauschobjekte war überhaupt nichts zu machen, aus Mitleid gab keiner etwas. Meine Eltern nahmen etwas Schmuck mit auf den Weg, eine Uhr, einen Regenschirm. Und meistens brachten sie Essbares mit. Der Alltag bei der Firma Schmid verlief unverändert. Nur waren wir weniger geworden. Die Folge der Verschleppungen. Zurückgeblieben waren Ehepartner von „Ariern“ oder „Arierinnen“ und sogenannte Mischlinge. Nach dem Ausbleiben des „Selbstmörders“ Hans S. waren es außer mir die Ärztin Dr. Aichinger – die Mutter der späteren Schriftstellerin – der Herr Stein, ein ehemaliger Zuckerlhändler aus der Westbahnstraße, der einstige Jockey Richter und der betagte und immer müde Herr Blumenschein.
Sommer 1944 ereignete sich Dramatisches. Die Alliierten landeten in der Normandie und in Süditalien. Jeder Trottel hätte wissen müssen, dass es mit dem „Dritten Reich“ zu Ende ging. Doch leider starben die Dummen auch damals nicht aus. Viele zeigten sich davon überzeugt, dass der „Führer“ die versprochene Wunderwaffe im Talon hatte, die dem Krieg wieder eine Wendung geben würde. Kleines Beispiel der da und dort noch anzutreffenden Begeisterung: ich stand in der Praterstraße unweit des ausgebombten Karl-Theaters. Neben mich trat ein junger Leutnant, am Ärmel seiner Uniform die gelbe Binde der Blinden. Geführt von einer Frau, die vermutlich seine Mutter war. Er hatte an der Front beide Augen verloren. Als eine Bekannte dazukam, streckte der Leutnant seinen rechten Arm hoch und sagte laut und deutlich: „Heil Hitler!“ Was sollte man dazu noch sagen? Und dann hörte ich am 20. Juli in meinem Detektor die Sondermeldung von dem Attentat auf Hitler in seinem Hauptquartier, der Wolfsschanze. Die erste Freude darüber wurde rasch gedämpft. „Janvier“ hatte überlebt! Die Folgen für den militärischen Widerstand, von dem man nun zum ersten Mal erfuhr, waren verheerend. Viele wurden sofort erschossen, andere durch ein Gericht zum Tode verurteilt oder in ein KZ gebracht. Aber das System war angeschlagen. Die Bombenangriffe nahmen zu. Immer größere Löcher wurden in Häuserfronten geschlagen, Berge von Schutt lagen auf Gehsteigen und Fahrbahnen. Einer davon am Gürtel unweit der Josefstädter Straße. Dort war ein großes Eckhaus getroffen worden. Die Behörde ordnete an, dass wir aus der Firma Schmid beim Aufräumen eingesetzt werden mussten. Gemeinsam marschierten wir zum Gürtel und begannen dort, die Ziegel aus dem Schuttberg zu holen und aufzuschlichten. Wir bekamen auch Krampen und Schaufeln, um Mauertrümmer zu zerschlagen und auf Scheibtruhen zu verladen. Lastautos kamen, um die Reste des einst schönen Wohnhauses wegzuschaffen. Die Fahrbahn am Gürtel war wichtig und musste so rasch wie möglich wieder freigemacht werden. Nach einigen Tagen durften wir wieder zu unserem Arbeitsplatz zurückkehren. Unsere Versorgung wurde zum Herbst hin immer schlechter. Für die Inhaber der mit „J“ gekennzeichneten Lebensmittelkarten wurden die Rationen noch schmäler und es gab nur noch eine Verkaufsstelle in ganz Wien, wo sie einkaufen konnten. Es war eine Halle in der Glockengasse. Da die „geschützten“ Juden ohnedies nur noch im zweiten Bezirk wohnen durften, war dies keine besondere Einschränkung. Ich war von unserer Wohnung in fünf bis sechs Minuten dort. Der Winter kam, der letzte Winter im „Dritten Reich“. Wir wussten es, viele andere wussten es auch. In unsere Hoffnung mischte sich aber immer die bange Frage: Wird man uns überleben lassen? Wird man uns den Triumph gönnen, unsere Peiniger zu überleben? Der letzte Winter: er war hart, kaum etwas zu heizen, kaum etwas zu essen. Ich hatte Glück, im Betrieb war es noch einigermaßen warm. Aber meine Eltern froren und ich fror auch, sobald ich nach Hause kam. Mit der warmen Kleidung war es auch nicht weit her. Bezugsscheine für Textilien und Schuhe gab es für uns überhaupt nicht. Zuletzt strich man uns auch noch das Brot! Mama kochte einige Erdäpfel und gab sie mir in die Arbeit, wo ich sie kalt verzehrte. Im Spätwinter war ich schon so schwach, dass ich einmal auf dem Heimweg zusammenfiel. Passanten halfen mir auf, in einem Geschirrgeschäft konnte ich mich langsam erholen. Satt wurde ich auch dort nicht. Meine Fahrten in die Weihburggasse zu unserer Nachrichtenlieferantin musste ich einstellen. Ich schaffte es nicht mehr. Ich wäre eine Gefahr für unsere Organisation gewesen. Wäre ich mit dem Rad gestürzt, hätte man vielleicht den Zettel mit den BBC-Meldungen gefunden. Mehr hätte ich nicht gebraucht! Am 1. Jänner 1945 ging ich zeitlich am Morgen mit Berry auf die Straße. Vor dem Haus lag auf dem Trottoir – Gehsteig sagten wir damals noch nicht – eine Patronenhülse aus einem Militärkarabiner. Irgendwer musste in der Silvesternacht hier einen Schuss abgegeben haben. Ich hob die Hülse auf und deutete sie als Omen für die kommenden Dinge im kommenden Jahr. Die Deutung war nicht schwer: Der Krieg würde bald auch zu uns, auch in die Zirkusgasse kommen. Die Russen kreisten Budapest ein, die Deutschen gaben nicht auf. Die armen Ungarn waren sechs Wochen lang in der belagerten Stadt eingeschlossen, gemeinsam mit den deutschen Truppen, die „heldenhaften“ Widerstand leisteten. Für die Nazis ging es darum, die siegreiche Rote Armee so lang wie möglich vor dem Eintritt in das Dritte Reich, das an der Grenze der „Ostmark“ begann, aufzuhalten. Aufhalten konnten sie die Russen nicht. Den Vormarsch auf das Reichsgebiet nicht stoppen. Meine Eltern und ich dachten verzweifelt daran, was aus uns werden würde, wenn Gauleiter Schirach seine Drohung, Wien zur Festung zu machen und bis zum letzten Mann zu verteidigen, wahr machen würde. Wir hatten nicht die geringsten Nahrungsreserven, wie sollten wir eine wochenlange Belagerung durchhalten? Papa konnte einen zweirädrigen Karren beschaffen, der nun im Hof unseres Wohnhauses stand und auf seinen Einsatz wartete. Welcher Art das sein könnte, wussten wir freilich nicht. Aber er sollte sich noch bewähren, der Karren. Während die Rote Armee immer weiter vordrang, die Bombenangriffe der Amerikaner heftiger wurden – Staatsoper, Hofburg, Philipshof und andere symbolische Gebäude waren zerstört oder schwer beschädigt worden – wütete die Gestapo schlimmer als je, jagten die Häscher der Feldgendarmerie erbarmungslos Soldaten, die versuchten, dem sinnlosen „Heldentod“ in letzter Minute zu entgehen und sich in Verstecke zu flüchten. Wer erwischt wurde, wurde nach kurzem Prozess – oder ohne einen solchen – erschossen.
So wurde es April. Die Rote Armee stand im Süden und im Westen mit einer Zangenbewegung am Rand der Stadt. Die Nazis holten alte Männer und junge Burschen zum „Volkssturm“. Man gab ihnen Karabiner und Panzerfäuste – aus dem Arm abzufeuernde panzerbrechende Waffen gegen Panzerfahrzeuge – ohne viel Zeit damit zu verschwenden, sie richtig einzuschulen. Man postierte das Kanonenfutter an neuralgischen Punkten, wie etwa auf dem Südtirolerplatz. Aus unserem Wohnhaus kam ein Sechzehnjähriger in der Nacht hereingeschlichen, er war klug genug, seine Einheit zu verlassen, um sich daheim bei den Eltern zu verstecken. Jetzt gab es niemanden mehr, der ihn verraten hätte. Die Firma Schmid gehörte für mich zur Vergangenheit. Wie vieles, hatte sich auch der Arbeitseinsatz der „Nichtarier“ aufgehört. Draußen an der Donaulände, wo die großen Lagerhäuser entlang des Ufers standen, soll es Plünderungen gegeben haben. Viele Wiener holten sich von dort, was sie brauchten und tragen konnten. Jetzt kam unser zweirädriges Wagerl ins Spiel! Mama war gar nicht damit einverstanden mit dem, was ich vorhatte. Aber schließlich stimmte sie zu. Ich zog mit dem Karren los, über den Praterstern und über die Ausstellungsstraße zum Handelskai. Bald stand ich vor einem Lagerhaus, aus dem viele Menschen Säcke schleppten. Zeit zum Aussuchen hatte ich nicht, kaum war ich eingetroffen, flogen über mir russische Kampfflugzeuge, die ihre Maschinengewehrgarben herunterfeuerten. Blitzschnell warf ich mich unter eine betonierte Laderampe und hatte Glück. Als die Flugzeuge – man nannte sie wegen ihres ratternden Motorengeräusches „Kaffeemühlen“ – abgeflogen waren, griff ich mir einen Sack mit Bohnen und mühte mich, ihn auf dem Wagerl zu verstauen. Schwach wie ich war, war das eine Meisterleistung. Und nun, nichts wie weg! Wieder in der Ausstellungsstraße orgelten über mich hinweg die schweren Granaten vom Flakturm im Augarten. Flak, das hieß Fliegerabwehrkanonen. Jetzt aber, da die Russen vor der Tür standen, setzte man sie im Bodenkampf ein. Glücklich kam ich mit meinen Bohnen in der Zirkusgasse an. Diese Hülsenfrüchte sollten uns in den letzten Kriegstagen sehr nützlich sein, nicht nur uns, sondern auch den anderen Hausparteien. Sie machten ein Feuer im Hof und kochten sie in einem großen Kessel. Vor dem Verhungern waren wir gerettet. An einem der nächsten Tage sah ich auf der Praterstraße ein Lastauto mit offener Ladefläche, darauf einige Männer und Frauen. Ungeniert erklärten sie, zum Handelskai zu fahren und dort aus den Lagerhäusern etwas holen zu wollen. Plündern war allgemein und niemand mehr da, der es verhindert hätte. Ich schwang mich auf den Lastwagen und fuhr mit. Diesmal erbeutete ich lediglich ein Kistchen mit Zigarren – Papa würde sich freuen – und eine Schachtel mit starkem, feldgrauen Zwirn (davon habe ich heute noch). Die amerikanischen Luftangriffe hatten in diesen ersten Apriltagen aufgehört, offenbar wollten sie die angreifenden Armeen der Russen nicht gefährden. Dafür erschienen täglich mehrmals die „Kaffeemühlen“ über der Stadt, die in die Bodenkämpfe eingriffen. Die Bomben, die sie abwarfen, waren lang nicht so zerstörerisch wie die amerikanischen. Zum Glück für uns, wie sich bald herausstellen sollte. Die Nazis hatten dem nichts mehr entgegenzusetzen. Oder doch: die Propagandalüge von einer „Wunderwaffe“, die demnächst eingesetzt werden würde und die der Sache eine Wendung geben würde. Und den Volkssturm. Ein letztes Aufgebot wurde mobilisiert, alte Männer und halbe Kinder. Alle anderen waren ohnedies in Uniform oder gefallen. Die Truppe erhielt Uniformteile oder bloß Armbinden, Handfeuerwaffen und die bewährte Panzerfaust. Ein Rohr, das über der Schulter abgefeuert wurde und dessen Granate die Panzerung von Kampffahrzeugen durchschlagen konnte. Die Rote Armee hatte Wien eingeschlossen. Ihre Truppen drangen in die Innenstadt vor. Bis zum Donaukanal. Die SS hatte fast alle Brücken gesprengt und sich in den Häusern entlang der Oberen und Unteren Donaustraße verschanzt. Keine 300 m von uns entfernt. Wir waren in unseren Keller übersiedelt, der Aufenthalt in der Wohnung war zu gefährlich geworden.
War es meine körperliche Schwäche oder die Furcht, noch knapp vor der Befreiung sterben zu müssen: Meine Nerven waren am Ende. Die Ursache war der stundenlange Beschuss durch die russische Artillerie. Sie schossen ohne Unterbrechung in unser Viertel, um das linke Donaukanalufer sturmreif zu machen. Das ging mit einem System, das mich fertig machte. Eine Granate schlug weit entfernt rechts von uns ein. Gleich darauf die nächste, etwas näher. Wieder eine und wieder eine, jede ein Stück näher und daher lauter. Dann kam der Augenblick, wo die nächste Granate direkt bei uns, also in der kürzesten Entfernung, laut krachend einschlug. Daraufhin entfernte sich das Feuer nach der anderen Seite, ebenfalls mit nun abnehmender Distanz. Wenn die Einschläge leiser wurden und links ganz aufhörten, begann der nervenaufreibende Lärm wieder an der rechten Seite. Einschlag nach Einschlag näher kommend, um – vorhersehbar – wieder unsere Umgebung zu treffen. Und das 48 Stunden lang! Während dieser nervenaufreibenden Stunden musste meine Mutter aus der Wohnung im ersten Stock etwas holen. Sie verließ den sicheren Keller – und kurz darauf krachte es fürchterlich, eine Bombe hatte direkt in unser Haus eingeschlagen. Zu Tode erschrocken lief ich die Stiegen vom Keller ins Erdgeschoß hinauf, da kam mir Mama wohlbehalten entgegen. Wohlbehalten, aber ebenfalls schockiert. Sie war schon auf dem Rückweg, als es passierte. Die Bombe hatte das Dach durchschlagen und war zum Glück durch das Stiegenhaus gestürzt, dabei hatte sie einen Teil der Treppe zwischen dem ersten und zweiten Stock zum Einsturz gebracht. Auch eine Wohnung im obersten Stockwerk, die der Familie Stammer – ebenfalls eine „Mischehe“ – war, beschädigt worden. Es war, Gott sei Dank, eine russische Bombe, eine amerikanische hätte das ganze Haus zerstört. Das war die letzte große Aufregung dieses Krieges. Am nächsten Morgen waren sowjetische Soldaten in der Zirkusgasse. Ich wagte mich wieder auf die Straße, verteilte einige Zigarren, die ich im Lagerhaus am Handelskai erbeutet hatte, an unsere Befreier und erlebte, wie ein Offizier einem Mann, der noch den Judenstern trug, bedeutete, dieses Schandzeichen zu entfernen. Der Spuk war vorbei! Es war der 13. April. Am nächsten Tag wurde ich 20. Und mein Leben begann.
Meine Eltern und ich hatten Glück gehabt, wir waren davongekommen. Doch die Bilanz des Naziterrors war auch für uns schrecklich. Ermordet wurden mein Halbbruder Egon, meine Großmutter Ernestine Jakobsohn, meine Tante Hella mit ihrem Töchterchen Gerti, mein Onkel Max mit seiner Frau und alle Familien, die im Haus Praterstraße 50, dem Wohnhaus meiner Großmutter, gelebt hatten. Heil aus dem Krieg heimgekehrt war mein Halbbruder Robert. Auch Egons Frau Lizzy konnte aus dem KZ Ravensbrück nach Hause kommen, wenn auch mit gesundheitlichen Schäden, die sie nie mehr überwunden hat. Unter den Todesopfern waren auch ihre Eltern.
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